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„Wir kaufen jeden Scheiß im Internet“

Bernd Stelter hielt uns zu Karneval den Spiegel vor: „Wir kaufen jeden Scheiß im Internet.“ Foto: Manfred Esser
Bernd Stelter hielt uns zu Karneval den Spiegel vor: „Wir kaufen jeden Scheiß im Internet.“ Foto: Manfred Esser
Die Krise der Innenstädte hat den Karneval erreicht. Bernd Stelter, Karnevalist, Comedian und Moderator, feuerte in der TV-Sendung „Karneval in Köln 2020“ am Rosenmontag in der ARD eine Breitseite an uns alle ab, die weit wirkungsvoller war, als all die wohlmeinenden Appelle der Handelsverbände und Forschungsinstitute: „Erst wenn die letzte Ladenglocke verstummt ist, die letzte Rolltreppe abgeschaltet, das letzte Schaufenster zugeklebt und die letzte, freundliche Kurzwarenverkäuferin entlassen worden ist, werdet Ihr einsehen, dass das Lächeln auf dem Amazon-Paket nur aufgedruckt ist.“ Tusch und Applaus! Wir alle seien zu faul in die Stadt zu gehen, so Stelter weiter. Und: „Wir kaufen jeden Scheiß im Internet – und lassen uns den Maggiwürfel mit dem LKW nach Hause liefern.“

Angesichts von weiter sinkenden Kundenfrequenzen und der zunehmenden wie immer öfter auch sichtbaren Verödung von Innenstädten fordert der Handelsverband Deutschland (HDE) – freilich etwas vornehmer als Stelter im Kölner Gürzenich – mehr Engagement von Politik und Gesellschaft für lebenswerte Stadtzentren. In einem Appell an Bundesinnenminister Horst Seehofer stellte der HDE im Januar elf Forderungen zur Rettung der Innenstädte vor.

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Wo der Handel stirbt, sterben Stadtzentren ^

Vor allem mittelständische Handelsunternehmen berichten seit Jahren, dass immer weniger Kunden den Weg in die Innenstädte finden. Die Folge-Probleme zeigen Zahlen des Handelsforschungsinstituts IFH Köln, wonach sich allein in den letzten fünf Jahren die Zahl der Standorte im deutschen Einzelhandel um rund 29.000 verringert hat. „Die Probleme der Händler bringen ganze Innenstädte ins Wanken. Wo der Handel stirbt, sterben Stadtzentren und Dorfgemeinschaften“, so der HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth in einem Brief an Seehofer.

Weiter heißt es in dem Schreiben: „Wenn vitale und attraktive Stadtzentren ein gesellschaftlicher Wert für unser Gemeinwesen sind, dann müssen auch alle Beteiligten an einem Strang ziehen, um die Innenstädte zu erhalten. Der Handel braucht die richtigen Rahmenbedingungen, um seine zentrale Aufgabe als Versorger der Bevölkerung und Frequenzbringer der Stadtzentren weiterhin erfolgreich erfüllen zu können.“

Innovative Serviceleistungen ^

In einem Elf-Punkte-Plan für attraktive Innenstädte macht der HDE die entscheidenden Handlungsfelder deutlich. Dabei geht es um den Ausbau der digitalen Infrastruktur, damit die Unternehmen die Digitalisierung für sich nutzen und die Kunden mit innovativen Serviceleistungen von sich überzeugen können. Außerdem steht die Erreichbarkeit der Stadtzentren im Fokus. Hier setzt der HDE auf die Einführung neuer Logistik- und Verkehrskonzepte.

Darüber hinaus ruft der Handelsverband angesichts oft zu starrer und zu hoher Mieten die Vermieter von Ladenlokalen zu einer neuen Partnerschaft auf, um Leerstände zu vermeiden. Um das positive Einkaufserlebnis und eine angenehme Atmosphäre in den Innenstädten zu stärken, sieht der HDE die Kommunen in der Pflicht, Baukultur und Städtebau stärker zu berücksichtigen.

Und um mehr Kunden mit Events in die Städte zu locken, soll zudem die Genehmigungspraxis für die gelegentliche Sonntagsöffnung reformiert und verlässlicher werden. Genth: „Die Politik muss jetzt die Weichen stellen, um den Handel in der gesamten Fläche als Innenstadt- und Heimatpfleger zu erhalten.“

Was das Siechtum der Innenstädte und die Frequenzverluste für eine Region bedeuten können, machte Prof. Johannes Beverungen beim Jahresempfang des Handelsverbandes Ostwestfalen-Lippe deutlich. Prof. Beverungen hat viele Hüte auf. Er ist Mitinhaber von Expert Beverungen in Paderborn. Zudem lehrt der Experte für Handelsmanagement an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Und er ist Präsident des Handelsverbandes in Ostwestfalen-Lippe.

„Die Zeiten haben sich schon immer geändert, aber so rasant wie heute habe ich dies in meinem Leben noch nicht gespürt. Das bedeutet aber auch, dass wir uns alle rasant verändern, verändern müssen“, so Prof. Beverungen am 10. Februar im Schloss Benkhausen in Espelkamp. Und weiter: „Wir müssen uns in Zeiten großer und schneller Veränderungen bemühen, die Rahmenbedingungen ebenso schnell anzupassen, um Friktionen in der Wirtschaft zu vermeiden.“

Deutliche Frequenzverluste ^

Was das für die Boom-Region Ostwestfalen-Lippe mit ihren vielen „hidden champions“ bedeutet? „Die laufenden Befragungen unserer Mitglieder zeigen immer wieder, dass viele Standorte in unserer Region unter deutlichem Frequenzverlust leiden. Die Folge dieses Kundenschwundes wird Auswirkungen auf unsere Handelslandschaft haben.

Das Institut für Handelsforschung Köln hat prognostiziert, dass allein in NRW bis 2030 von den noch knapp 110.000 Einzelhandelsgeschäften bis zu 20.000 vom Markt verschwinden werden“, so Beverungen weiter. Übertrage man diese Entwicklung auf Ostwestfalen-Lippe, bedeute das: „Jedes 5. stationäre Ladenlokal wird bis 2030 in OWL schließen müssen.“

80 Kilometer für einen Toaster ^

Dipl. Ing. Nina Hangebruch von der TU Dortmund arbeitet an einer Studie zum Thema „Digitalisierung und Konsum im ländlichen Raum“.
Dipl. Ing. Nina Hangebruch von der TU Dortmund arbeitet an einer Studie zum Thema „Digitalisierung und Konsum im ländlichen Raum“.

Was das für Kunden, insbesondere auf dem Land, heißen kann, veranschaulichte Dipl. Ing. Nina Hangebruch von der TU Dortmund mit ihrem Vortrag „Digitalisierung und Konsum im ländlichen Raum“ anlässlich des Nahversorgungstages des Handelsverbandes NRW Mitte Februar in Schwerte. Für den Kauf eines Elektrokleingerätes nehmen Kunden aus Dahlem in der Eifel mitunter eine Fahrt von 42 Kilometern nach Euskirchen oder 76 Kilometern nach Bonn in Kauf. Und wer in Eslohe im Hochsauerlandkreis lebt, treibt es noch toller: 80 Kilometer fährt man von dort nach Dortmund oder Paderborn, um ein Elektrogerät zu erstehen. Merke: Dort, wo sich der Handel zurückgezogen hat, ist oftmals das Web die einzige Alternative.

Die Einkaufsorientierung bei Elektro: 80 Kilometer für einen Toaster.
Die Einkaufsorientierung bei Elektro: 80 Kilometer für einen Toaster.

Gleichzeitige Makroveränderungen ^

„Der Einzelhandel alleine kann die Innenstädte nicht retten“, sagt Unternehmer Jan Gerd Borgmann.
„Der Einzelhandel alleine kann die Innenstädte nicht retten“, sagt Unternehmer Jan Gerd Borgmann.

Es kann von Vorteil sein, von außen auf den Einzelhandel zu schauen. Jan Gerd Borgmann ist zwar Vorsitzender des Handelsverbandes in Bottrop, aber als Inhaber der Baupart-Gruppe, die mit acht Standorten und über 250 Mitarbeitern an Rhein und Ruhr Fachhandelspartner für Handwerk, Industrie und private Bauherren ist, kein klassischer Einzelhändler. Für Borgmann sind es die gleichzeitig stattfindenden Makroveränderungen mit denen der Handel zu kämpfen hat, konkret: Zentralisierung, Digitalisierung und Nachfolgeregelung.

Sein Befund: „Der Einzelhandel alleine kann die Innenstädte nicht retten. Das geht nur zusammen mit den Akteuren aus Gastronomie, Kultur, Gesundheit und Immobilienwirtschaft.“ Der inhabergeführte Einzelhändler sei angesichts des Strukturwandels oftmals wie gelähmt, während sich die großen Filialisten nicht selten einen schlanken Fuß machen. Borgmann: „Die Fachmarktketten sind oft ein fehlendes Glied in der Kette für eine moderne Innenstadt.”

Online verändert die Sortimente ^

Und noch ein Phänomen des Internet-Handels: Online verändert die Sortimente. In Buchhandlungen gibt es – weil immer weniger Bücher stationär gekauft werden – mittlerweile auch Bastelbedarf, Wohn-Accessoires und Kaffee, bei einzelnen „expert(en)“ Bücher, bei „Euronicern“ auch Wein – weil ganze Sortimentsgruppen wie CDs oder DVDs aus dem Angebot verschwinden. Der neueste Coup: Euronics hat vergangene Woche eine Kooperation mit dem chinesischen Automobilhersteller „Aiways“ bekanntgegeben. Bis zu 30 ausgewählte Fachhändler der Verbundgruppe werden künftig das neue SUV-Modell U5 in ihr Sortiment aufnehmen.

Euronics wird zum Autohaus (fast) ^

„Aiways“ wiederum verzichtet auf den Vertrieb über klassische Autohändler – eine verrückte Welt. Kern der Kooperation ist der kundenorientierte Beratungsansatz von Euronics. Die Händler beraten Kunden auf einer eigens eingerichteten Ausstellungsfläche mit ihrem technischen Know-how sowie ihrem Hintergrundwissen zu Elektronik-Themen. Keine schlechte Idee, um die stationäre Fläche zu beleben, wäre vielleicht auch etwas für Media-Saturn gewesen, deren überdimensionierte Innenstadtflächen in 1A-Lage mittlerweile wie wirtschaftliche Mühlsteine um den Hals hängen.

„Bei Euronics gibt es alles rund ums E-Auto aus einer Hand“, so Vorstandssprecher Benedict Kober.
„Bei Euronics gibt es alles rund ums E-Auto aus einer Hand“, so Vorstandssprecher Benedict Kober.

Not macht erfinderisch, man rückt, auch bei den Kooperationen, enger zusammen, bleibt dennoch verbal im Ungefähren. „Wir unterstützen unsere Mitglieder ganzheitlich – auf der Jahresveranstaltung (zwischenzeitlich abgesagt; Anm. d. Redaktion) zeigen wir ihnen erprobte Konzepte weiter gedacht, für individuellen, nachhaltigen Erfolg“, heißt es bei ElectronicPartner. Bei expert stand auf der Jahresauftaktveranstaltung die Sicherstellung der Wirtschaftlichkeit durch Intensivierung von Partnerschaften im Fokus. „Wir wollen die Zusammenarbeit mit unseren Partnern im gesamten Wertschöpfungsprozess weiter intensivieren“, so Vorstandsvorsitzender Dr. Stefan Müller.

Und bei Euronics? Dort hat man an einer „strategischen Marschroute“ bis zum Jahr 2025 gearbeitet, die am 22 März in Leipzig vorgestellt werden soll. Das Ziel: Neue Möglichkeiten der Wertschöpfung sollen den wirtschaftlichen Erfolg und profitables Wachstum für Mitglieder und Zentrale sicherstellen.“ So weit, so (vorerst) nebulös und vertraut. „Nachhaltiger Erfolg, intensivierte Zusammenarbeit, profitables Wachstum – ja, was denn sonst!“, möchte man allen dreien hinterher rufen.

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