Zukunft der Technikbranche im Visier: Zukunftsforscherin Kim Haußer analysiert beim Branchendialog von BVT und ZVEI in Berlin die Machtverschiebung zwischen etablierten Herstellern und globalen Plattformen bis zum Jahr 2050. Foto: G. Wagner
Um die Zukunft nicht nur zu erraten, sondern systematisch vorzubereiten, nutzt Kim Haußer sechs zentrale Veränderungsdimensionen. Diese bilden das Fundament für jedes zukunftsfähige Geschäftsmodell im Elektrogerätefachhandel und zeigen auf, wie tiefgreifend sich unser Marktumfeld wandelt:
Haußer betont dabei die neue Rolle des Handels:
„Der neue USP des Fachhandels liegt künftig unverkennbar in der exzellenten Beratungsqualität. In einer technologisch immer anspruchsvolleren Welt übernehmen Händler die essenzielle Funktion eines Übersetzers: Sie machen komplexe Innovationen für den Kunden verständlich, bauen Barrieren ab und stiften durch ihre Expertise echtes Vertrauen“.
Ein entscheidender Wendepunkt wird die Art und Weise sein, wie Produkte gekauft werden. Kim Haußer beschreibt den Übergang zum Agentic Commerce, bei dem KI-Agenten die Rolle des Konsumenten übernehmen. Das Smart Home der Zukunft wird Ersatzteile oder neue Geräte selbstständig vergleichen und bestellen, basierend auf Preis-Leistung, Bewertungen und Systemkompatibilität.
Hier verschiebt sich die Kommunikation grundlegend:
„Ich nenne das Machine-Readable Commerce. Dabei kommt es entscheidend darauf an, Produktdaten so strukturiert aufzubereiten, dass KI-Systeme sie fehlerfrei interpretieren, relevante Informationen autonom extrahieren und diese als fundierte Basis für präzise Kaufempfehlungen nutzen können“.
Die ökologische Dimension wird laut Haußer von einer freiwilligen Option zur harten regulatorischen Pflicht. Europa entwickelt sich zu einem der strengsten Nachhaltigkeitsregime weltweit. Themen wie der digitale Produktpass und die gesetzliche Verpflichtung zur Kreislaufwirtschaft verändern die Wertschöpfungskette grundlegend. Händler transformieren sich hierbei zu lebenslangen Begleitern eines nachhaltigen Produktzyklus, indem sie Services wie Refurbishment und Second-Life-Konzepte integrieren.
In der Gegenüberstellung zweier Extremszenarien – dem regulierten „Controlled Europe“ und dem hocheffizienten „Global AI Platform Empire“ – sieht Haußer die Lösung in der Hybridität.
Kein Unternehmen wird sich der Macht globaler Plattformen komplett entziehen können, doch die totale Abhängigkeit wäre fatal. Die erfolgreiche Strategie der Zukunft ist die selektive Plattformintegration.
Die wichtigste Erkenntnis der Keynote: „Die Zukunft gehört nicht denen, die Plattformen nutzen, sondern denen, die trotz Plattformen relevant bleiben“. Haußer betont:
„Die Zukunft gehört nicht jenen, die Plattformen lediglich als Vertriebskanal nutzen, sondern vor allem den Akteuren, denen es gelingt, trotz der Plattformdominanz eine eigenständige Relevanz zu behalten. Entscheidend ist der Aufbau eines eigenen, belastbaren Produktsystems, das durch Mehrwertdienste und direkte Kundenbeziehungen unabhängig vom reinen Abverkauf über externe Marktplätze funktioniert“.
Für Unternehmen der Elektrogeräteindustrie bedeutet das den Aufbau einer hybriden Positionierungsstrategie:
Der Wert entsteht in Zukunft nicht mehr durch den einmaligen Verkauf eines Geräts, sondern durch dessen Integration, den laufenden Service und die intelligente Datennutzung.
Abschließend stellt sich die essenzielle Frage nach der Geschwindigkeit dieses Wandels: Ist das Zielbild 2050 nicht noch in allzu weiter Ferne? Tatsächlich befinden wir uns bereits heute mitten in dieser Transformation. Während das Jahr 2050 die vollständige Etablierung dieser neuen Systeme markieren mag, werden die entscheidenden Tendenzen an vielen Punkten bereits um 2035 oder sogar deutlich früher unübersehbar sein.
Basierend auf der Keynote von Kim Haußer „Zukunft unter Spannung“ beim Branchendialog BVT / ZVEI am 15. April 2026.
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