Große Lücke unterm Funkturm: Mit dem Umzug des B2B-Geschäfts von Samsung in die Innenstadt verliert die IFA ihren dominanten Platzhirsch im CityCube. Ein gefährlicher Trend für die Messe?
Doch wer als Fachhändler oder Branchenjournalist genauer zwischen den Zeilen liest, stolpert unweigerlich über den eigentlichen Paukenschlag: Die IFA geht mit Samsung in die Stadt. Konkret heißt das: Samsung, jahrelang eines der größten Zugpferde der Messe und dominanter Platzhirsch im gigantischen CityCube, verlegt seine Präsenz für den Fachhandel, das B2B-Publikum und die Fachmedien ab dem 2. September 2026 ins Humboldt Carré in Berlin-Mitte. Das Messegelände unterm Funkturm wird für Samsung also vorrangig zur Bühne für Content Creator und Lifestyle-PR, während das harte Business und die tiefgehenden Produktpräsentationen in den urbanen Raum ausgelagert werden.
Das wirft für unsere Branche einige kritische Fragen auf, die weit über das Jubel-Wording der PR-Abteilungen hinausgehen:
Der CityCube war seit seiner Fertigstellung 2014 untrennbar mit dem IFA-Auftritt von Samsung verbunden. Hier wurden auf tausenden Quadratmetern gigantische, vernetzte Produktwelten aufgebaut. Wenn ein derartiger Ankermieter seine Kernpräsenz abzieht, reißt das eine gewaltige Lücke. Bekannt ist inzwischen, wie die IFA diese riesige Fläche füllen will: Die frei gewordenen Quadratmeter werden durch neue Formate (Retail Innovation Zone sowie den Mobility Track und den allgemeinen Themenbereich Mobility) belegt. Doch kritisch betrachtet drängt sich die Frage auf: Reicht das? Ist dieser Mix aus Innovationsflächen und Mobilitätsthemen wirklich ein durchschlagendes neues Konzept – oder schlichtweg der Versuch, eine gigantische Halle zu bespielen, für die man auf die Schnelle keinen anderen Großaussteller als Nachfolger gewinnen konnte? Ob diese kleinteiligere Aufteilung die massive Strahlkraft einer geschlossenen Marken-Erlebniswelt für den klassischen Elektrohandel ersetzen kann, darf zumindest bezweifelt werden.
Für den Fachhandel und die Medienvertreter bedeutet dieser Schritt vor allem eins: Stress. Das Humboldt Carré liegt nahe dem Berliner Dom in Berlin-Mitte, das Messegelände im tiefen Westen der Stadt. Wer auf der IFA verschiedene Hersteller vergleichen will, muss künftig mitten im Berliner Messeverkehr quer durch die Stadt pendeln. Mal eben nach einem Termin bei BSH, Miele oder LG noch bei Samsung vorbeischauen? Das kostet künftig mindestens 45 Minuten Fahrzeit pro Strecke. Die Effizienz eines gebündelten Messebesuchs geht hier massiv verloren. Ein massiver Kritikpunkt seit jeher im Vergleich zwischen IFA und der CES in Las Vegas.
Samsungs Schritt weckt so also unweigerlich Assoziationen zur CES. Dort hatte man im Januar auch die Halle im Las Vegas Convention Center (dem eigentlichen Messegelände) verlassen und sich komplett nur im luxuriösen Wynn Hotel präsentiert. Doch der Vergleich hinkt bei genauerer Betrachtung. Die CES in den USA war schon immer eine dezentrale Messe, da es dort historisch bedingt kein einzelnes, alles fassendes Messegelände gibt; die verstreuten Auftritte der Hersteller in diversen Hotels und Convention Centern sind dort aus der Infrastruktur heraus geboren. Die IFA hingegen verfügt über eines der größten Messegelände Europas. Wenn nun trotzdem wichtige Aussteller wie Samsung für das Kerngeschäft in die Stadt abwandern, entsteht ganz bewusst ein neues, hybrides Messeformat. Und das birgt eine große Gefahr für die Wahrnehmung der IFA: Wenn demnächst jeder große Hersteller sein „eigenes Süppchen“ in hippen Off-Locations in der City kocht, verliert die Messe ihren wichtigsten USP. Der unschlagbare Vorteil der IFA war es bisher immer, alle relevanten Player unter einem Dach an einem zentralen Ort zu vereinen.
Es ist verständlich, dass Samsung die Consumer-Aufmerksamkeit der Creator Economy nutzen will und die IFA Management GmbH einen ihren wichtigsten Ankermieter halten will und muss. Doch für den klassischen Elektrogerätehändler hinterlässt dieser Spagat einen mehr als faden Beigeschmack: Er kann sich von bunten Content-Creation-Studios auf dem Messegelände am Ende des Tages nichts kaufen – das ist schlicht nicht sein Geschäft. Für den Handel zählt die geballte Präsenz der Branche. Wenn die wichtigsten Hersteller nicht mehr an einem Ort gebündelt sind, sondern das eigentliche B2B-Geschäft hinter schwerer erreichbaren Türen in der Innenstadt stattfindet, erschwert das den ohnehin straffen Messealltag massiv.
Es wird spannend zu beobachten sein, ob der Fachhandel diesen logistischen Mehraufwand mitmacht. Dies wird sicher auch von den IFA-Angeboten des Marktgiganten Samsung abhängen. Interessant wird auch sein, ob andere Marken im nächsten Jahr nachziehen. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits in diesem Jahr – so wird sich die BSH in den Kantgaragen parallel zum IFA-Auftritt für Endkunden präsentieren, wie Enrico Hoffmann, Head of Sales and Marketing Central Europe, BSH, und Aufsichtsratsvorsitzender der GFU, beim IFA Kick-Off angekündigt hatte.
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