Die Technikbranche steht heute im Zentrum historischer Umbrüche. In ihrer Keynote beim Branchendialog von BVT und ZVEI in Berlin zeichnete die Zukunftsforscherin Kim Haußer ein Bild der Branche, das von massiven Spannungsfeldern geprägt ist. Die zentrale Frage lautet: Wer wird 2050 entscheiden, was, wie und wo konsumiert wird – die etablierten Hersteller und Händler oder globale Plattformen und autonome Algorithmen?

Der Analyserahmen: Sechs Dimensionen der Veränderung
Um die Zukunft nicht nur zu erraten, sondern systematisch vorzubereiten, nutzt Kim Haußer sechs zentrale Veränderungsdimensionen. Diese bilden das Fundament für jedes zukunftsfähige Geschäftsmodell im Elektrogerätefachhandel und zeigen auf, wie tiefgreifend sich unser Marktumfeld wandelt:
- Soziale Dimension: Im Fokus steht die massive Überalterung der Gesellschaft. Bis 2050 wird jeder dritte Deutsche über 65 Jahre alt sein. Für den Handel bedeutet das eine Verschiebung der Erwartungen: Kunden suchen in einer immer komplexeren Welt verstärkt nach Vertrauen, Nähe und Orientierung. Der Händler wird hier zum entscheidenden „Enabler“, der Technik erklärt und Ängste abbaut.
- Ökonomische Dimension: Hier stellt sich die Frage nach der Robustheit klassischer Geschäftsmodelle. In einer Phase permanenter Transformation verschiebt sich die Wertschöpfung weg vom reinen Produktverkauf hin zu datengetriebenen Services. Gleichzeitig erhöht der Erfolg hocheffizienter Plattform-Ökosysteme den Margendruck auf den traditionellen Handel.
- Ökologische Dimension: Nachhaltigkeit wandelt sich vom Differenzierungsfaktor zur Grundvoraussetzung. Klimawandel und Ressourcenknappheit führen zu einer strengen Regulierung, die Kreislaufwirtschaft und langlebige Technik fordert. Konsumierende erwarten heute Transparenz über den gesamten Lebenszyklus eines Geräts.
- Technologische Dimension: Wir erleben den Sprung zur vollständigen Automatisierung. Unter dem Schlagwort „Agentic Commerce“ übernehmen Algorithmen und KI-Systeme die Rolle des Einkäufers. Wenn Geräte autonom miteinander kommunizieren und Bedarf selbstständig decken, verändert das die Kundenschnittstelle grundlegend.
- Politisch-rechtliche Dimension: Geopolitische Spannungen und Industriepolitik beeinflussen die Planbarkeit wirtschaftlichen Handelns. Die Gesetzgebung (EU-weit und international) nimmt massiven Einfluss auf Lieferketten und zwingt Unternehmen dazu, zwischen globaler Abhängigkeit und regionaler Resilienz abzuwägen.
- Kulturelle Dimension: Werte und Lebensstile verändern sich radikal. Der Wunsch nach maximaler Convenience und der Trend zum „Nutzen statt Besitzen“ (Sharing Economy) fordern neue Vertriebswege. Händler müssen sich fragen, wie sie in einer hypervernetzten Welt noch emotionale Relevanz erzeugen können.

Haußer betont dabei die neue Rolle des Handels:
„Der neue USP des Fachhandels liegt künftig unverkennbar in der exzellenten Beratungsqualität. In einer technologisch immer anspruchsvolleren Welt übernehmen Händler die essenzielle Funktion eines Übersetzers: Sie machen komplexe Innovationen für den Kunden verständlich, bauen Barrieren ab und stiften durch ihre Expertise echtes Vertrauen“.
Keyfeature 1: Der Aufstieg des Agentic Commerce
Ein entscheidender Wendepunkt wird die Art und Weise sein, wie Produkte gekauft werden. Kim Haußer beschreibt den Übergang zum Agentic Commerce, bei dem KI-Agenten die Rolle des Konsumenten übernehmen. Das Smart Home der Zukunft wird Ersatzteile oder neue Geräte selbstständig vergleichen und bestellen, basierend auf Preis-Leistung, Bewertungen und Systemkompatibilität.

Hier verschiebt sich die Kommunikation grundlegend:
„Ich nenne das Machine-Readable Commerce. Dabei kommt es entscheidend darauf an, Produktdaten so strukturiert aufzubereiten, dass KI-Systeme sie fehlerfrei interpretieren, relevante Informationen autonom extrahieren und diese als fundierte Basis für präzise Kaufempfehlungen nutzen können“.
Keyfeature 2: Kreislaufwirtschaft als neues Erlösmodell
Die ökologische Dimension wird laut Haußer von einer freiwilligen Option zur harten regulatorischen Pflicht. Europa entwickelt sich zu einem der strengsten Nachhaltigkeitsregime weltweit. Themen wie der digitale Produktpass und die gesetzliche Verpflichtung zur Kreislaufwirtschaft verändern die Wertschöpfungskette grundlegend. Händler transformieren sich hierbei zu lebenslangen Begleitern eines nachhaltigen Produktzyklus, indem sie Services wie Refurbishment und Second-Life-Konzepte integrieren.
Keyfeature 3: Hybridität als Positionierungsstrategie
In der Gegenüberstellung zweier Extremszenarien – dem regulierten „Controlled Europe“ und dem hocheffizienten „Global AI Platform Empire“ – sieht Haußer die Lösung in der Hybridität.
- Szenario 1 „Controlled Europe“: In diesem Modell priorisiert Europa regulatorische Kontrolle und strategische Souveränität über maximale Effizienz, was zu einem stabileren und robusteren, aber auch teureren und langsameren Marktumfeld führt.
- Szenario 2 „Global AI Platform Empire“: Dieser hocheffiziente Ansatz wird von wenigen globalen Superplattformen dominiert, die den Konsum durch KI-Agenten und Smart Homes fast vollständig automatisieren, was jedoch zu einer extremen Abhängigkeit und einem massiven Kontrollverlust für klassische Marken führt.
Kein Unternehmen wird sich der Macht globaler Plattformen komplett entziehen können, doch die totale Abhängigkeit wäre fatal. Die erfolgreiche Strategie der Zukunft ist die selektive Plattformintegration.

Fazit: Relevanz trotz Plattformdominanz
Die wichtigste Erkenntnis der Keynote: „Die Zukunft gehört nicht denen, die Plattformen nutzen, sondern denen, die trotz Plattformen relevant bleiben“. Haußer betont:
„Die Zukunft gehört nicht jenen, die Plattformen lediglich als Vertriebskanal nutzen, sondern vor allem den Akteuren, denen es gelingt, trotz der Plattformdominanz eine eigenständige Relevanz zu behalten. Entscheidend ist der Aufbau eines eigenen, belastbaren Produktsystems, das durch Mehrwertdienste und direkte Kundenbeziehungen unabhängig vom reinen Abverkauf über externe Marktplätze funktioniert“.
Für Unternehmen der Elektrogeräteindustrie bedeutet das den Aufbau einer hybriden Positionierungsstrategie:
- Für Hersteller: Diese nutzen Plattformen für die globale Distribution, bauen jedoch parallel dazu eigene Service-Ökosysteme wie Apps, Smart-Home-Integrationen oder Subscription-Modelle auf. Dabei gewinnen Faktoren wie Modularität, Updatefähigkeit und eine einfache Installation der Produkte zunehmend an Bedeutung.
- Für Händler: Das Rollenprofil wandelt sich vom reinen Verkäufer hin zum beratenden Servicepartner. Wesentliche Alleinstellungsmerkmale gegenüber anonymen Plattformen bilden hierbei die Beratungsqualität sowie Dienstleistungen in den Bereichen Installation, Wartung und Vor-Ort-Expertise.
Der Wert entsteht in Zukunft nicht mehr durch den einmaligen Verkauf eines Geräts, sondern durch dessen Integration, den laufenden Service und die intelligente Datennutzung.
Abschließend stellt sich die essenzielle Frage nach der Geschwindigkeit dieses Wandels: Ist das Zielbild 2050 nicht noch in allzu weiter Ferne? Tatsächlich befinden wir uns bereits heute mitten in dieser Transformation. Während das Jahr 2050 die vollständige Etablierung dieser neuen Systeme markieren mag, werden die entscheidenden Tendenzen an vielen Punkten bereits um 2035 oder sogar deutlich früher unübersehbar sein.
Basierend auf der Keynote von Kim Haußer „Zukunft unter Spannung“ beim Branchendialog BVT / ZVEI am 15. April 2026.

