Schulterschluss statt Silodenken – Kick-Off der neuen Service-Allianz war keine PR-Show

LeitartikelVerbundgruppen
EU AI Act - KI-modifiziert

Gestern noch harte Konkurrenten um die Gunst der Anschlusshäuser, heute gemeinsam am Konferenztisch. Der offizielle Startschuss für die neue Service-Allianz des Fachhandels ist gefallen. Dass EK Retail, ElectronicPartner, Euronics und Telering nun gemeinsame operative Wege gehen, ist ein bemerkenswerter Schulterschluss. Für die Branche kommt er keinen Tag zu früh.

Wer den Markt als Beobachter verfolgt, weiß – fast schon genervt – um die Situation. Der stationäre Fachhandel steht massiv unter Druck. Wer in der Führungsebene noch glaubt, der Handel könne den Kampf um den Endkunden über den reinen Hardware-Preis gegen die anonymen Logistikmaschinen des Online-Handels gewinnen, hat die Zeichen der Zeit verschlafen. EK-Manager Martin Wolf fasst es in seinem jüngsten LinkedIn-Beitrag treffend zusammen:

„Denn gute Produkte kann man an vielen Orten kaufen. Herausragender Service macht den Unterschied.“

Reparieren, beraten, installieren, vernetzen. Das ist längst ein zentraler Wettbewerbsfaktor und die größte Chance auf zusätzliche Wertschöpfung.

Doch genau hier lag bisher das branchenweite Problem, denn jeder kochte sein eigenes Süppchen. Ein verbindlicher, qualitätssteigernder Branchenstandard war reine Fehlanzeige. Dass sich das nun ändert, beweist der 15. Juli 2026. Was im Juni auf der Euronics Summer Convention (Wir haben darüber berichtet.) noch wie eine gute, aber vage Absichtserklärung klang, ist nun in Eschborn in die operative Arbeit übergegangen. Der „Kick-off“ war keine reine PR-Show, sondern das langersehnte „Ins-Arbeiten-Kommen“.

Vom Reden ins Machen und der entscheidende Praxistest

Liest man die Verlautbarungen der Verbundgruppen aus den letzten Tagen, spürt man deutlich den echten Willen, zeitnah spürbare Effekte für die Mitgliedsbetriebe zu erzielen.

„Die Zielsetzung der Allianz eint uns: Wir wollen den Service in der Consumer und Home Electronics-Branche fördern und Transparenz schaffen“, heißt es offiziell.

Es ist zweifellos das Verdienst von Macherinnen wie Verena Dvorak (Euronics) und Gardy Kanzian (EP), die aus einer bilateralen Idee nun ein handfestes Branchenprojekt gemacht haben, das vom Handelsverband Technik (BVT) professionell moderiert wird.

Die ersten operativen Meilensteine des ersten Arbeitskreises stehen fest:

  • Fundierte Datenbasis: Eine gemeinsame Kundenbefragung soll endlich belastbare Daten liefern, was der Kunde von einem Händler an der Haustür und an der Ladentheke heute wirklich erwartet.
  • Einheitliche Maßstäbe: Darauf aufbauend sollen praxisgerechte Service-Standards definiert und etabliert werden.
  • Der Austausch: Den ersten echten Stresstest für diese Pläne wird es bereits im Herbst bei der geplanten, verbundgruppenübergreifenden ERFA-Tagung geben.

Das alles entscheidende Differenzierungsmerkmal

Telering-Geschäftsführer Udo Knauf bringt die Motivation für diesen Schritt klar auf den Punkt:

„Die Herausforderungen an den serviceleistenden Fachhandel wachsen kontinuierlich. In der Service-Allianz des Fachhandels können wir gemeinsam die Rahmenbedingungen zum Vorteil der Mitglieder gestalten.“

Auch Brendan Lenane, Vorstand der Euronics Deutschland eG, unterstreicht nach dem ersten Treffen das große Potenzial dieser Zusammenarbeit. Sein Fokus liegt darauf, den Fachhandel fit für die Zukunft zu machen und mit gemeinsamen Service-Lösungen „ein Differenzierungsmerkmal zu bilden“.

Genau das ist elementar. Der wahre Wettbewerber eines EP-Händlers ist schließlich nicht der Euronics-Kollege zwei Straßen weiter. Der wahre Wettbewerber sitzt in den Algorithmen der Online-Giganten, die After-Sales-Service oft nur als lästigen Retouren-Prozess begreifen.

Die eigentliche Herkulesaufgabe formuliert Martin Wolf als Leitplanke für die kommenden Monate:

„Entscheidend wird sein, dass aus guten Gesprächen Lösungen entstehen, die im Tagesgeschäft unserer Fachhändler funktionieren und beim Kunden spürbar ankommen.“

Ein frommer Wunsch? Nein, eine absolute Notwendigkeit. Einheitliche Standards bedeuten am Ende effizientere Prozesse, weniger Reibungsverluste auf Industrieseite und mehr Profilierung vor Ort.

Jetzt gilt’s, die Vorschusslorbeeren zu rechtfertigen

Der operative Startschuss ist gefallen, die Hausaufgaben sind verteilt. Als Herausgeber werde ich die weitere Entwicklung genau und kritisch begleiten. Bis zur IFA in Berlin im September müssen nun weitere, greifbare Zwischenergebnisse präsentiert werden. Die Gründungsmitglieder haben vorgelegt und einen gewaltigen Schritt über den eigenen Schatten gemacht. Nun liegt es an der gesamten Branche, diese Allianz mit Leben zu füllen – damit aus guten Vorsätzen echte Werkzeuge für den Alltag der Händler werden. Diese Allianz ist aktuell die vielleicht beste Zukunftsversicherung, die der Fachhandel hat.

Mehr zum Thema !

Historischer Schulterschluss im Elektrofachhandel: Vier Großkooperationen besiegeln strategische Service-Offensive

Gabriel Wagner
× AI Icon