Recht auf Reparatur als Branchenchance: Vier Großkooperationen besiegeln strategische Service-Offensive

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Die Gerüchteküche brodelte schon länger, doch auf der Euronics-Veranstaltung auf Mallorca wurde es offiziell: Der deutsche Elektrofachhandel steht vor einer tektonischen Verschiebung. Angesichts des herannahenden EU-weiten „Rechts auf Reparatur“ brechen die großen Verbundgruppen ihre alten Wettbewerbsgrenzen auf. Was als Euronics-Initiative begann, wächst zu einer historischen Kooperation heran. Das Ziel ist es, den Fachhandel vom reinen Verkaufsort zum unersetzlichen Service-Hub der Zukunft zu transformieren.

Das „Recht auf Reparatur“: Wer haftet, wer profitiert?

Die gesetzlichen Vorgaben, die durch die Übersetzung der EU-Richtlinie in nationales Recht anrollen, erzeugen in der Branche enormen Druck. Joachim Dückelmann vom Bundesverband Technik (BVT) brachte es auf den Punkt: Nach dem Verursacherprinzip liegt die Pflicht zur Bereitstellung von Ersatzteilen und Reparaturangeboten primär beim Hersteller, beziehungsweise beim Importeur oder Eigenmarken-Inhaber. Für den klassischen Fachhändler bedeutet das, dass er zwar reparieren kann, es aber außer bei Eigenmarken rein rechtlich oft gar nicht muss.

Strategische Zusammenarbeit der Kooperation beim Recht auf Reparatur.
Strategische Zusammenarbeit der Kooperation beim Recht auf Reparatur.

Allerdings holt das neue Kaufrecht die Händler über die Hintertür ein, wobei besonders die neue Gewährleistungs-Verlängerung schwer wiegt. Entscheidet sich ein Endverbraucher im Gewährleistungsfall für eine Reparatur statt eines Neugeräts, verlängert sich die Gewährleistungsfrist um ein ganzes Jahr „on top“. Diese Regelung fungiert als Gesetz für alle, da sie nicht nur für Haushaltsgroßgeräte oder Smartphones gilt, sondern für sämtliche Produkte im Sortiment – von der Kaffeemaschine bis zur Schrankwand. Um den Handel bei dieser Pflicht zu entlasten, greift im Gegenzug ein gestärktes Rückgriffsrecht gegenüber dem Lieferanten. Im Rahmen dieser gesetzlichen Kostenübernahme können Transportwege, Arbeitszeit und Materialkosten direkt beim Hersteller geltend gemacht werden.

Die ungelösten Rätsel des Gesetzgebers

Trotz nahender Fristen lässt die Politik die Branche in vielen Punkten im Regen stehen. Vage Rechtsbegriffe wie „angemessener Reparaturpreis“ oder „angemessene Reparaturdauer“ sind gesetzlich nicht klar definiert. In der Praxis droht Händlern und Herstellern somit zermürbender Streit mit Endkunden vor Gericht, um diese unbestimmten Begriffe im Einzelfall auszufechten. Genau hier setzt die strategische Antwort des Fachhandels an: Standardisierung schlägt bürokratischen Wahnsinn.

Verkündung der "Fachhandel Service Allianz" auf der Euronics Summer Convention".
Verkündung der “Fachhandel Service Allianz” auf der Euronics Summer Convention”.

Der Paukenschlag: Die neue Fachhandels-Serviceallianz

Um nicht zum Spielball von Grauzonen und reinen Online-Marktplätzen zu werden, gehen die großen Player der Branche einen beispiellosen Schritt. Euronics, Electronic Partner (EP), EK Retail und Telering machen beim Thema Service ab sofort gemeinsame Sache, tatkräftig unterstützt vom BVT und der Wertgarantie.

Die Eckpfeiler der neuen Allianz setzen dabei auf eine vollkommen ganzheitliche Infrastruktur. Unter der technischen Flagge der Wertgarantie wird eine neutrale, kooperationsübergreifende Service-Plattform als gemeinsame Datenbank aufgebaut. Durch diese verbesserte digitale Erreichbarkeit finden Endkunden dort auf einen Blick qualifizierte Fachhandels-Servicepartner direkt in ihrer Region. Eine umfassende Prozess-Standardisierung mit über 40 bereits definierten, einheitlichen Servicekriterien erleichtert den Herstellern die Abwicklung und garantiert dem Kunden gleichzeitig ein konsistentes Serviceerlebnis. Flankiert wird das gesamte Projekt von einer B2B-Qualifizierungsoffensive, in deren Rahmen ab Ende Juni flächendeckende Schulungen starten. Dieser gezielte Kompetenzaufbau bereitet Verkäufer auf die veränderte Argumentation im Kundengespräch vor, insbesondere auf die schwierige Einwandbehandlung rund um den Verbrauchermythos der „kostenlosen Reparatur“ im Vergleich zur kostenpflichtigen Serviceleistung.

Der straffe Zeitplan steht bereits fest: Bis zur IFA im September soll das neue Konstrukt der Fachhandels-Serviceallianz final an den Start gehen.

Einordnung: Warum fehlt die expert-Gruppe?

Die Frage, warum expert aktuell nicht auf der offiziellen Teilnehmerliste der Service-Allianz steht, brennt Branchenkennern natürlich unter den Nägeln. Die Euronics-Verantwortlichen gaben hierzu auf Mallorca jedoch eine betont gelassene Antwort: expert fand das Thema und die Initiative grundsätzlich richtig cool und passend, sah sich aber schlicht aus Timing-Gründen aktuell nicht in der Lage, direkt operativ einzusteigen.

Böses Blut gibt es keines, denn expert fokussiert seine Ressourcen momentan voll auf das ebenfalls sehr zeitintensive, verbundübergreifende Gemeinschaftsprojekt zum „Recht auf Reparatur“. Für die Zukunft ist eine Zusammenarbeit im Service alles andere als vom Tisch – die Verantwortlichen betonten ganz klar, dass die Tür für einen späteren Einstieg von expert jederzeit offen steht.

Fazit: Wenn Krisen Kräfte bündeln

Die Schnittstelle zum Kunden verändert sich durch Digitalisierung und KI in rasender Geschwindigkeit. Reine Produktverkäufer werden dadurch zunehmend austauschbar. Die neue Service-Allianz ist daher weit mehr als eine reine Reaktion auf ein EU-Gesetz – sie steht für einen historischen Schulterschluss, der noch vor wenigen Jahren absolut undenkbar gewesen wäre.

Wie so oft in der Wirtschaftsgeschichte zeigt sich auch hier, dass akuter regulatorischer Druck und massive Marktveränderungen die Kraft haben, Wettbewerber an einen gemeinsamen Tisch zu bringen. In der kollektiven Bewältigung dieser drohenden Krise haben die Verbundgruppen erkannt, dass echter Mehrwert und langfristige Überlebensfähigkeit heute nicht mehr im Alleingang, sondern vor allem in der Gemeinschaft entstehen. Wenn der Handel die Reparatur und den Serviceprozess partnerschaftlich professionalisiert und als Ertragsbringer begreift, besetzt er eine Nische, die kein reiner Online-Marktplatz der Welt kopieren kann.

Der Startschuss ist gefallen, die Rakete fliegt – jetzt muss die Branche beweisen, dass sie die Umlaufbahn erreicht und auch hält.

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