10 Anregungen gegen den Selbstverlust

Wer heute krankfeiert, hat nicht nur „Rücken“. Psychische Probleme werden zunehmend als Begründung für das diffuse Unwohlsein gegeben, das immer mehr Menschen befällt und die Krankenstände in die Höhe treibt. Dieses diffuse Unwohlsein hat etwas mit innerem Verlust zu tun: Werbe- und Warenwelt halten uns vom wahren Bedeutsamen ab. Je mehr wir auf Äußeres schauen, desto weniger nehmen wir uns selbst wahr.

Stattdessen haben wir begonnen, uns an unfehlbaren, ständig arbeitenden und selbstgefühllosen Maschinen zu orientieren. Der Diplom-Psychologe Georg Milzner stellt fest: „Wir sind überall, nur nicht bei uns“. Ziel seines gleichnamigen Buches soll sein, die Aufmerksamkeit des Lesers wieder zu ihm zurückzuführen und zu bewirken, dass er sich selbst und denen, die ihm lieb sind, wieder mehr Aufmerksamkeit schenkt.

Und das tut not: Wir sind schließlich Beziehungsmenschen, wir brauchen Aufmerksamkeit, sie ist lebensnotwendig. Die Herausforderung ist jeden Tag auf dem Spielplatz zu sehen: Schon unsere Kleinsten fühlen sich nicht mehr wahrgenommen, wenn Mama und Papa ständig am Smartphone hängen. Dadurch ist es ihnen unmöglich, einen Blick auf sich entwickeln zu können und werden zu Erwachsenen, die die eigenen wesentlichen Bedürfnisse nicht wahrnehmen und auf harmonische Weise befriedigen können. Das bedeutet nicht nur ein Verlust an seelischer Tiefe, ein Mangel an Sinnhaftigkeit im Leben, sondern vor allem, dass eine tragfähige seelische Basis völlig fehlt.

Milzner beleuchtet das Thema Selbst-Entfremdung von drei Seiten anschaulich und intensiv: Im ersten Teil des Buches fragt er nach den Ursachen, in welchen Formen der Selbstverlust auftritt, worin dieser Selbstverlust im Einzelnen besteht, woran er zu erkennen ist – und spätestens hier erkennen wir die typischen Symptome unserer Zeit: Stimmungsschwankungen, körperliche Beschwerden, Lustlosigkeit, Sinnverlust, Depression, innere Leere, Zynismus und chronische Überreizung.

Im zweiten Teil des lesenswerten Buches widmet sich der Autor dem künstlichen Selbst, das als Ersatz für das wahre Selbst erschaffen wird. Wir finden es wieder in Narzissmus – „Ich bin der Größte“ -, Fundamentalismus – „Ich habe recht!“ -, Schwarmorientierung – „Ich bin Teil der Masse“ – und Funktionalismus – „Ich leiste, also bin ich“.

Wie kann man dem nun entgegenwirken? Achtsamkeitsübungen reichen nicht aus, Selbststeuerung optimieren auch nicht. Georg Milzner gibt dem Leser im dritten Teil einen 10 Punkte-Plan mit auf den Weg, 10 Punkte, die man nach Belieben ausprobieren und auch kombinieren kann. Das Gefühl der eigenen Präsenz für einen kurzen Moment zulassen, wo man gerade ist. Sich selbst erfahren im Spiel und in der Begegnung mit anderen. Die nächtlichen Träume wahrnehmen und sich die Träume fürs Leben bewusst machen. Die 10 Punkte klingen banal, für jemanden, der sein Gefühl für sich selbst neu erfahren will, sind sie eine Offenbarung.

IFA-Tipp: Ankommen im Jetzt

Appropos „Das Gefühl der eigenen Präsenz für einen kurzen Moment zulassen, wo man gerade ist“:

Auf der IFA gibt es genug Gelegenheiten, diesen Tipp für sich umzusetzen. Anregende Gespräche, grandiose Geräuschkulissen, Konzentration aufs Ziel Vertragsabschluss – all das zieht Energie ins Außen. Um sich wieder zu zentrieren, machen Sie folgende Übung:

  1. Atmen Sie tief in den Bauch ein und lassen den Atem langsam wieder ausfließen
  2. Nehmen Sie ihre unmittelbare Umgebung bewusst wahr – Farben, Bewegung, Töne
  3. Sagen bzw. denken Sie nur „Jetzt“.
  4. Werden sie sich bewusst, dass Zeit eine Illusion ist.
  5. Versuchen Sie, diesen Moment des „Jetzt“ auszudehnen – Sie sind der Herr ihrer Zeit, niemand anders.

Der Vorteil ist, dass Sie diese Übung immer und überall machen können, selbst wenn Sie auf dem Weg von einer Halle zur anderen, von einem Termin zum anderen sind. Tun Sie sich was Gutes – spüren Sie das „Jetzt“, so oft Sie können.

Georg Milzner
Wir sind überall, nur nicht bei uns
Leben im Zeitalter des Selbstverlusts

Beltz-Verlag, 265 Seiten
Gebunden UVP: 19,95 Euro /Ebook/pdf: 18,99 Euro
Das Buch finden Sie hier.