Markt & Branche

Angriff statt Defensive: Euronics’ knallharter Konter gegen den China-Warendruck

Gegen schmale Verbraucherbudgets, überlaufene Lager und die rücksichtslose Billig-Offensive aus Fernost hilft kein Abwarten. Auf der Summer Convention (ESC 2026) auf Mallorca hat Euronics den Spieß umgedreht: Mit einer radikalen Umstrukturierung, beispiellosen Exklusivmarken-Margen und einer geschlossenen Service-Front bläst die Kooperation zum Gegenangriff.

Die aktuelle Ausgangslage für den Elektronikfachhandel lädt absolut nicht zum Feiern ein. Die allgemeine Konsumstimmung ist verhalten und die erhoffte Kaufeuphorie – selbst zu Großereignissen wie der Fußball-WM – bleibt im Markt schlichtweg aus. Doch den Kopf in den Sand zu stecken und in Trübsal zu blasen, hat noch kein Geschäft vorangebracht. Auf der Euronics Summer Convention 2026 stand daher ein unmissverständliches Motto im Raum: Nur wer sich jetzt aktiv verbündet und nach vorne prescht, wird die Krise als Gewinner überstehen.

Der Markt im Würgegriff: Die Drohung aus Fernost

Der Druck auf den europäischen Markt verschärft sich dramatisch. Weil die USA ihre Grenzen für chinesische Elektronik rigoros dichtgemacht haben, drängt die gewaltige Überproduktion der dortigen Fabriken nun mit aller Macht nach Europa. Asiatische Giganten wie JD.com kaufen sich strategisch und gezielt Logistikketten sowie Kundenzugänge auf, um den traditionellen Wettbewerb zu verdrängen.

Das dahinterstehende Geschäftsmodell ist eine Kampfansage an den Fachhandel: Die Angreifer setzen auf radikale Kostensenkung durch den Verzicht auf stationäre Beratung. Stattdessen investieren sie in Chatbots, künstliche Intelligenz, automatisierte Verteilzentren und blitzschnelle Drohnen-Lieferungen. Gleichzeitig fluten staatlich subventionierte Hersteller, die nicht einmal kostendeckend arbeiten müssen, den Markt mit High-End-Technologien (wie OLED-TVs) zu extremen Schleuderpreisen. Die Folge ist eine massive Preiserosion, die der gesamten Branche die Erträge raubt.

Mit „Kompass Blau“ richtet Euronics Sortimente und Vermarktungsmodelle stärker auf Differenzierung, Exklusivität und wirtschaftliche Wertschöpfung für den Fachhandel aus.

Die Gegenoffensive: „Kompass Blau“

Die Antwort von Euronics auf diese Bedrohung ist radikal und trägt den Namen „Kompass Blau“. Dieses strategische Projekt greift tief: es ist eine kompromisslose Neuausrichtung der Sortimente auf echte Wertschöpfung und Exklusivität.

Das schärfste Schwert dieser neuen Strategie ist der Aufbau von eigenen Vertriebslinien im Bereich der Exklusivmarken. Euronics hat dafür eine weitreichende Partnerschaft mit dem ägyptischen Konzern El Araby geschlossen. Mit 36.000 Mitarbeitern und jahrzehntelanger Erfahrung als Lohnfertiger für absolute Weltmarken wie Sony, Sharp und Toshiba bringt der neue Partner gewaltiges Fertigungs-Know-how mit. Der entscheidende strategische Vorteil: El Araby kontrolliert seine vorgelagerte Lieferkette und Vorproduktionswerke zu fast 90 Prozent selbst und ist damit nahezu vollständig unabhängig von externen asiatischen Lieferengpässen.

Produktdesign nach Ansage: Das neue Marken-Trio

Euronics bricht mit der Tradition, Produkte einfach nur so einzukaufen, wie die Industrie sie anbietet. Durch das neue Geschäftsmodell betritt die Kooperation das Terrain des aktiven Produktmanagements und nimmt künftig direkten Einfluss auf Features und das Design der Geräte. Das exklusive Markenportfolio gliedert sich in drei Angriffsflächen:

  • Tornado: Bildet im Einstiegssegment (Kleingeräte, Großgeräte, Kühlen, Waschen) den Startschuss für die aktuelle, bundesweite Pilotphase bei über 30 Händlern. Während Basismodelle im Markt sichtbar bleiben, sichert sich Euronics das exklusive, wertigere Sortiment.
  • Kajito: Eine hochexklusive Premium-Marke für das absolute Top-Segment, die technisch auf Augenhöhe mit den etablierten OLED-Größen agiert und TVs bis zu gewaltigen 120 Zoll liefert. Mit optisch und haptisch herausragenden Produktlinien wie der Colorful Line und der Black Line zielt Kakito direkt auf das margenstarke Premium-Segment des Fachhandels ab. Sie ist für niemanden außerhalb der Euronics-Welt erhältlich.
  • Heller: Hier nutzt die Kooperation die Rückkehr eines traditionsreichen deutschen Fabrikats. El Araby hat das Produktionswerk im sächsischen Falkenberg gekauft und die Markenrechte übernommen, um im Bereich der Weißen Ware eine starke, exklusive Fachhandelsmarke zu etablieren.

Zusätzlich behält Euronics den gesamten After-Market (Garantie, Gewährleistung, Reparaturen) über die eigenen Service-Strukturen komplett in eigener Hand, statt ihn an anonyme Werkskundendienste abzugeben.

Knallharte Händler-Vorteile: Rekordmargen ohne Risiko

Um den Händlern den Umbau ihrer Verkaufsflächen schmackhaft zu machen, bietet Euronics finanzielle Bedingungen, die im aktuellen Marktumfeld einzigartig sind:

  1. Doppelte Konsignation (Null Risiko): Die El Araby-Ware wird als reines Kommissionsgeschäft geliefert. Bis zum finalen Verkauf bleibt sie Eigentum des Herstellers. Das entlastet die Händler vollständig von Vorfinanzierungsquoten und schont die Liquidität.
  2. Sensationelle Erträge: Die laufenden Tests verzeichnen eine phänomenale Durchschnittsmarge von 36 Prozent über alle Produktbereiche hinweg – Spitzenmodelle erreichen sogar 43 Prozent. Angesichts der allgemeinen Margenerosion im Markt ist das eine echte Cash-Maschine für die Händler.

Dass sich proaktives Handeln auf der ESC bezahlt macht, beweisen Händler wie Udo Baumann, der offen bilanziert: „Meine ESC ist am ersten Tag schon bezahlt, weil hier die entscheidenden Deals für das gesamte Jahresgeschäft eingefahren werden.“

Mensch schlägt Drohne: Same Day Delivery und die FSA

Gegen die unpersönliche Online-Konkurrenz setzt Euronics auf Schnelligkeit gepaart mit menschlicher Flexibilität. Bestes Beispiel ist das Versprechen von Same Day Delivery: Wenn beim Kunden die Waschmaschine streikt und er beispielsweise bei Euronics-Händler Lux anruft, wird nicht blockiert, sondern auf direktem Weg eine taggleiche, individuelle Servicelösung gefunden. Um diese Service-Power bundesweit auf ein neues Niveau zu heben, wurde die Fachhandel-Service-Allianz (FSA) gestartet.

Klare Kante zur IFA

Auch beim Thema IFA zeigt Euronics klare Kante und ein kompromissloses Bekenntnis zur letzten großen europäischen Leitmesse. Gemeinsam mit EP und Expert bündelt Euronics die Präsenz auf einer kompakten, schlagkräftigen Gemeinschaftsfläche in der Retail Innovation Zone.

Scharfe Kritik gab es in diesem Zuge an Herstellern, die zwar für einen Stand bezahlen, aber die Hallen leer lassen und stattdessen eigene Events weit abseits des Messegeländes veranstalten. Im Berliner Berufsverkehr verliert ein Händler durch solche isolierten Außenstandorte schlichtweg zu viel wertvolle Zeit, die für andere wichtige Gespräche auf dem Messegelände fehle. Euronics wird Termine daher konsequent nur außerhalb der regulären Messezeiten – also morgens um 8:00 Uhr oder abends ab 19:00 Uhr – wahrnehmen.

Parallel dazu untermauert Euronics seine aggressive Marktpräsenz mit unkonventionellen Guerilla-Marketing-Aktionen: So wurden pünktlich zur WM im Rahmen einer Kooperation mit „Kartonizza“ rund 500.000 gebrandete Pizzakartons gezielt über 300 Pizzerien im direkten Einzugsgebiet der Euronics-Händler gestreut, um die Marke direkt in den Wohnzimmern der Verbraucher zu platzieren.

Fazit: Euronics verharrt im Krisenjahr 2026 nicht in Schockstarre. Mit risikofreien Rekordmargen durch exklusive Eigenmarken, einer starken, kooperationsübergreifenden Service-FSA und unmissverständlichen Ansagen an wankelmütige Industriepartner liefert die Verbundgruppe eine weitreichende und angriffslustige Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft.

Gabriel Wagner

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