Der gebürtige Spanier Joaquín García Sanchis ist seit März 2026 der neue Global Head of Design bei der Electrolux Group. Vom Hauptsitz in Stockholm aus verantwortet er die übergreifende, globale Designvision für die Marken Electrolux, AEG und Frigidaire. Mit dem Ziel, einen ganzheitlichen, menschenzentrierten Designansatz voranzutreiben, berichtet er direkt an Elena Breda (SVP Product Strategy, Innovation, Sustainability).
In diesem Interview teilt der erfahrene Designer, der vor seinem Wechsel unter anderem bei Italdesign-Giugiaro, im VW-Konzern, bei Ford und Renault tätig war, seine Sichtweise auf schönes Design. Er spricht zudem darüber, wie wichtig Design ist, um eine konsistente visuelle Markenidentität zu schaffen und das Unternehmen als starken Herausforderer in der Branche zu positionieren.
Joaquín, Sie haben fast 20 Jahre Ihrer Karriere in der Automobilindustrie verbracht. Können Sie uns mehr über Ihren Hintergrund erzählen?
Ich habe Industriedesign studiert und mich dann am Royal College of Art in London auf Automobildesign spezialisiert. Danach habe ich für verschiedene große Automobilmarken in Europa sowie an Industrie- und Produktdesignprojekten gearbeitet – und auch mein eigenes Designstudio gegründet –, bevor ich im März zur Electrolux Group kam.
In der Automobilbranche liegt ein starker Fokus auf dem Aufbau starker Marken. Design spielt dabei eine strategische Rolle als einer der Hauptfaktoren für Markenbekanntheit, Differenzierung und Wertsteigerung. Ich sehe hier viele Ähnlichkeiten zur Electrolux Group, da Markenbekanntheit und das Kundenerlebnis in beiden Branchen eine enorme Rolle spielen.
Ich freue mich darauf, meine Erfahrungen aus der Automobilindustrie einzubringen, um unsere Marken durch designorientiertes Denken (Design-Led Thinking) und verbraucherorientierte Innovationen zu stärken und zu prägen.
Was bedeutet schönes Design für Sie persönlich?
In der Autowelt haben wir immer gesagt: Wenn ein neues Auto vorbeifährt, dreht man den Kopf und folgt ihm mit den Augen. Es gibt diesen Moment des Verliebens – genau wie bei einer zwischenmenschlichen Begegnung.
Wenn man dann eine Beziehung zu dieser Person aufbaut, lernt man sie tiefer kennen. Es gibt also den ersten Eindruck und die langfristige Beziehung. Im Autodesign haben wir diese Balance zwischen dem ersten Eindruck und einer langfristigen Beziehung sehr genau untersucht.
„Insgesamt bedeutet gutes Design für mich: Es ist unkompliziert. Ein Produkt kann komplex sein, aber sein Design sollte zeitlos und nachhaltig sein. Gebaut, um zu halten.“
Wie hat sich die Rolle des Designs in den letzten zwei Jahrzehnten verändert?
Bis vor 15 Jahren war Design sehr ästhetisch geprägt – es ging fast nur um das Aussehen. Das änderte sich radikal mit der rasanten Verbreitung von Touchscreen-Benutzeroberflächen, die maßgeblich von Apple vorangetrieben wurde.
Die asiatischen Unternehmen waren meiner Meinung nach in den letzten fünf Jahren der größte Disruptor über alle Branchen hinweg. Sie bieten gutes Design, wobei die Koreaner und Japaner in Sachen Einfachheit führend sind. Wenn es um Geschwindigkeit, Wertigkeit und die Anpassung an neue Arbeitsweisen geht, waren die chinesischen Unternehmen ein echter Weckruf für die westliche Welt. Sie haben uns geholfen, zu wachsen und uns zu verbessern.
Sie kommen zu einem spannenden Zeitpunkt zu Electrolux, da wir uns als Herausforderer in unserer Branche aufstellen. Wie können wir unsere Marken von der Konkurrenz abheben und uns an immer härter umkämpfte globale Märkte anpassen?
Dafür gibt es drei wesentliche Säulen:
- Identität: Die Identität ist das Wichtigste für eine Marke. Wir haben eine sehr starke Identität, die wir schützen müssen. Aber nicht, indem wir sie einzäunen und uns vor anderen Einflüssen verschließen. Im Gegenteil: Wir müssen unsere Marken, unsere skandinavischen Wurzeln, unsere Werte und unsere Arbeitsweise im Laufe der Zeit weiterentwickeln. Wir dürfen das nicht vergessen, aber wir müssen uns an die Zukunft anpassen – besonders wenn es um Geschwindigkeit und Entscheidungsfindung geht.
- Das Erbe (Heritage): Das ist das Einzige, was wir haben und unsere asiatischen Konkurrenten nicht. Sie haben alles andere – Menschen, Talente, Investitionskapital, Wissen, Fachkompetenz und Industrie –, aber sie haben bestenfalls ein paar Jahrzehnte Geschichte. Die Electrolux Group blickt auf über 100 Jahre Geschichte zurück. Darauf können wir stolz sein und das müssen wir nutzen.
- Die Mentalität: Der Marktdruck und das zunehmende Gefühl der Dringlichkeit sind real, aber wir dürfen uns davon nicht lähmen lassen. Stattdessen müssen wir diese Dringlichkeit in Handeln umsetzen, unserer Arbeit mit Selbstvertrauen begegnen und an unseren Erfolg glauben.
Welche Rolle spielen Nachhaltigkeit und zirkuläres Design in der Zukunft des Produktdesigns?
Nachhaltigkeit ist eng mit unserem skandinavischen Erbe, unseren Werten und unserer Kultur verbunden.
Eine Kernsäule unserer Nachhaltigkeitsstrategie ist es, Produkte zu entwickeln, die langlebig und reparierbar sind, und ein zirkuläres Geschäftsmodell zu fördern. Das ist die Zukunft des Produktdesigns – mit einem klaren Fokus auf das Verbraucherverhalten.
Was ist Ihre Lieblings-Designepoche?
Ich denke, die 1950er, 1960er und 1970er Jahre waren meine Lieblingsjahrzehnte in der Designgeschichte. Damals war Technologie zwar wichtig, aber der Fokus lag viel mehr auf Innovation, Materialien, physischer Interaktion und Charakter.
Verraten Sie uns zum Schluss noch etwas über sich, das Ihre neuen Kollegen überraschen könnte?
Ich bin mir nicht sicher, ob es die Leute überrascht, aber ich bin definitiv nicht der stereotype Designer, der immer auf der neuesten Trendwelle reitet. Die Menschen sind oft überrascht, wie bodenständig ich als Mensch bin. Ich stehe auch überhaupt nicht auf ausgefallenen Schnickschnack.
Das Originalinterview finden Sie hier: Our new Head of Design: “A product can be complex but good design should be timeless” – Electrolux Group
