Philipp Westermeyer und EURONICS-Chef Benedict Kober (r.) im OMR-Podcast. Foto: OMR
Mit über 1.200 Geschäften und rund drei Mrd. Euro Umsatz ist EURONICS eine feste Größe im deutschen Markt . Doch der Wettbewerb schläft nicht. Im Gespräch zeichnet Kober ein differenziertes Bild der Branche und erklärt, wie sich der Verbund durch lokale Stärke, neue Store-Konzepte und mutige Sortimentserweiterungen gegen reine Online-Giganten behauptet.
Infoboard fast die wichtigsten Erkenntnisse und Highlights aus dem Gespräch für die Elektrogerätebranche zusammen:
Ist ein Genossenschaftsmodell heute überhaupt noch zeitgemäß? „Das hört sich erst einmal an wie aus einer vergangenen Zeit, ist aber ein super modernes Format“, so Kober. Der entscheidende Vorteil gegenüber filialisierten Konzernen sei der Unternehmer vor Ort. Während Filialisten oft mit wechselnden Managern arbeiten, punkte der EURONICS-Händler mit persönlicher Bindung und einer extrem hohen Loyalität der Teams.
Kober untermauert dies mit einer beeindruckenden Zahl: „Wir haben mal eine Analyse gemacht: Die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit in den Geschäften bei uns liegt bei 11 Jahren. Das ist eine verdammt lange Zeit.“
In diesem Zeitraum bauen Mitarbeiter – laut Kober – eine Kompetenz und Leidenschaft auf, die man durch kurzfristige Schulungen in anonymen Großflächenmärkten kaum ersetzen könne.
Euronics verzeichnet einen Online-Anteil von ca. 20 Prozent, was unter dem Marktdurchschnitt liegt – und das sei so gewollt. Die Strategie dahinter: Der Online-Kanal diene oft als Informationsquelle („Customer Journey“), der Abschluss oder die Abholung finde im Laden statt.
Kober betont: „Ein Kunde, der sich online informiert und dann in den Laden kommt, ist der Idealzustand.“ Besonders spannend ist der Marktplatz-Ansatz: EURONICS betreibt kein zentrales Lager, das gegen die eigenen Händler konkurriert. Stattdessen wird die Ware direkt aus den Beständen der lokalen Händler verkauft.
Die Zeiten riesiger Flächen in teuren 1A-Lagen der Großstädte seien schwierig. EURONICS setzt stattdessen auf Nahversorgung in Mittelzentren, wo der Wettbewerb weniger dicht ist.
Für Großstädte testet der Verbund neue Formate wie „Euronics Pick&Go“: Kleinere Flächen mit hohem Convenience-Faktor und Parkplätzen direkt vor der Tür. Denn Kober weiß: „Niemand will einen schweren Fernseher durch die halbe Stadt tragen.“
Um Wachstum zu generieren, reiche der reine Ersatzbedarf oft nicht aus. Technik müsse heute echten Nutzen stiften oder sich ästhetisch integrieren.
Kober betont, dass Technik heute mehr sein muss als nur funktionale Hardware. Er erzählt dazu eine persönliche Anekdote über seinen eigenen Kauf eines Samsung „The Frame“ Fernsehers:
„Wenn der Fernseher aus ist, ist das für viele vom Empfinden her einfach ein großes schwarzes Viereck im Wohnzimmer – vielleicht nicht optimal. Wenn man aber eine Bildgalerie auswählen kann, sieht das echt gut aus.” Das Design werde so oft zum entscheidenden Verkaufsargument in der Beratung.
Philipp Westermeyer spricht im Podcast auch ein heikles Thema an: Warum verkauft ein lokaler Händler Satelliten-Internet von Elon Musk? Weil es pragmatische Lösungen für den ländlichen Raum biete. Kober liefert dazu sehr konkrete Use-Cases:
„Nehmen wir das klassische Neubaugebiet: Du wohnst schon drin, aber das Glasfaserkabel wird erst noch verlegt. Was machst du jetzt? Oder die Ferienwohnung, wo du keinen 12-Monats-Vertrag bezahlen willst, wenn du nur zwei Wochen da bist.” Auch in Regionen wie dem Bodensee, wo man ständig Netzabbrüche durch das Einwählen ins Schweizer Netz habe, sei Starlink eine Lösung, die man „innerhalb einer halben Stunde“ installiert habe . Euronics sei mittlerweile einer der größten Starlink-Händler in Europa .
Ein überraschendes Highlight im Gespräch war das Engagement von Euronics im Frauenfußball (UEFA Women’s Champions League). Benedict Kober erklärte leidenschaftlich, warum das für einen Elektronikhändler Sinn ergibt:
„Frauenfußball ist ein sehr ehrlicher Sport, wo die Kommerzialisierung noch gar nicht so im Vordergrund steht. Das findet mittlerweile auf einem Leistungsniveau statt, wo man sagen muss: Chapeau!” Kober sieht hier einen „Super Match“, da die weibliche Zielgruppe extrem technikaffin sei und der Sport an Popularität gewinne, ohne die Bodenhaftung zu verlieren.
Im Rahmen des OMR-Gesprächs scheut sich Benedict Kober nicht, politische Forderungen zu stellen. Der Wettbewerb mit asiatischen Versendern wie Temu oder Shein werde als kritisch bewertet – nicht wegen der Konkurrenz an sich, sondern wegen der fehlenden Waffengleichheit.
„Ich finde es grenzwertig, dass jeden Tag Millionen von Paketen aus China nach Europa kommen – unter Ausnutzung aller Regulierungsmethoden. Das ist kein fairer Wettbewerb.“Er fordert von der Politik, dass das Level an Regularien, die europäische Händler erbringen müssen, auch für Importeure gelten müsse.
Abschließend gab der Euronics-Chef eine Statement zur aktuellen Kaufzurückhaltung ab: Es sei kein strukturelles Problem fehlenden Geldes – die Sparquote in Deutschland liege bei über 11 Prozent – sondern ein psychologisches. „Das Geld ist nicht weg, es ist noch da“, so Kober. Was fehle, sei die positive Grundstimmung und Zuversicht der Verbraucher, um das Geld auch auszugeben.
Trotz der Übernahme von Wettbewerbern durch Investoren oder internationale Konzerne bleibt Kober gelassen: „Angst ist nie ein guter Ratgeber“. Die Strategie für die Zukunft ist klar definiert: Service, Beratung und lokale Nähe – unterstützt durch sinnvolle Innovationen.
Den komplettem OMR-Podcast mit Benedict Kober gibt es hier.
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