Stationäre Handelsstandorte könnten auch 2036 eine zentrale Rolle spielen – allerdings mit deutlich erweiterten Funktionen. Gleichzeitig gewinnen digitale Erlebniswelten, automatisierte Prozesse und vernetzte Versorgungssysteme an Bedeutung. Die EHI-Studie „Die Zukunft der Handelslogistik 2036“ beschreibt neun mögliche Zukunftsszenarien und zeigt, welche Entwicklungen die beteiligten Fachleute erwarten und welche sie bevorzugen.
Die Handelslogistik der kommenden zehn Jahre dürfte sich nach den Ergebnissen der Studie nicht entlang eines einzelnen Digitalisierungspfades entwickeln. Stattdessen zeichnen sich unterschiedliche Modelle ab, in denen stationäre Kundennähe, digitale Einkaufserlebnisse, automatisierte Versorgung und regionale Strukturen miteinander kombiniert werden.
Grundlage der Untersuchung sind 24 Schlüsselfaktoren. Dazu gehören unter anderem Wirtschaft und Konsum, Regulierung, künstliche Intelligenz, digitale Souveränität, Daten, Arbeitskräfte, Resilienz, Lager und Standorte, Transport, Kreislaufwirtschaft, Endkundenlogistik und die Verbindung verschiedener Vertriebskanäle. Aus diesen Faktoren wurden neun Szenarien abgeleitet. Die Studie versteht diese ausdrücklich nicht als Prognosen, sondern als unterschiedliche, in sich konsistente Zukunftsbilder.

Stationäre Standorte erhalten neue Funktionen
Besonders relevant für den Handel ist das Szenario „Stationäre Anker“. Es erreicht bei der Bewertung der erwarteten Entwicklung mit 62 Punkten den höchsten Wert aller neun Szenarien.
Die Werte sind dabei keine statistischen Eintrittswahrscheinlichkeiten. Sie zeigen vielmehr, wie stark das jeweilige Szenario nach Einschätzung der Teilnehmenden mit der erwarteten Entwicklung übereinstimmt.
Im Szenario „Stationäre Anker“ bleiben Filialen zentrale Bestandteile des Handels, werden jedoch enger mit digitalen Services und automatisierter Versorgung verknüpft. Fläche, Lager und Versorgung wachsen dabei stärker zusammen. Die regionale Präsenz wird damit zu einem Bestandteil der logistischen Infrastruktur.
Für die Praxis bedeutet dies, dass Filialen nicht nur Verkaufsstellen bleiben. Sie können zugleich als Abhol- und Retourenstandorte, Servicepunkte sowie als Bestandteile regionaler Fulfillment-Strukturen fungieren.
Die Studie geht in diesem Szenario von eng verzahnten Netzwerken aus Filialen, regionalen Knoten, Verteilzentren und Fulfillment-Kapazitäten aus. Versorgung, Abholung, Retouren und Service müssen dabei miteinander verbunden werden. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Bestandsführung, Nachschubsteuerung und die Abstimmung zwischen Filial- und Lagerbeständen.
Für den Elektrofachhandel ist diese Entwicklung besonders relevant. Stationäre Standorte könnten ihre Nähe zur Kundschaft mit Leistungen verbinden, die über Beratung und Verkauf hinausgehen. Voraussetzung dafür sind belastbare Bestandsinformationen und eine enge Verzahnung von Warenwirtschaft, Onlineshop, Lager und Filiale.

Digitale Erlebnisse erhöhen die Anforderungen an die Logistik
Fast gleichauf mit den „Stationären Ankern“ liegt die „Virtuelle Erlebniswelt“. Sie erreicht bei der erwarteten Entwicklung 61 Punkte.
In diesem Zukunftsbild prägen digitale Erlebnisse, Inspiration und Interaktion zunehmend Nachfrage und Kaufentscheidungen. Plattformen und vernetzte Wertschöpfungsstrukturen koordinieren Versorgung und Kundenkontakt, während Automatisierung, Datenintegration und künstliche Intelligenz für kurze Reaktionszeiten sorgen sollen. Die eigentliche Logistik tritt aus Kundensicht dabei zunehmend in den Hintergrund.
Gerade daraus entstehen hohe Anforderungen an die operativen Prozesse. Wird Nachfrage beispielsweise kurzfristig durch digitale Erlebnisse erzeugt, müssen Bestände und Fulfillment entsprechend schnell reagieren können. Für die Logistik bedeutet dies eine hohe Taktung sowie flexible Lager-, Transport- und Retourenprozesse.
Die Studie bewertet die „Virtuelle Erlebniswelt“ damit als Zukunftsbild, das gegenüber der heutigen Situation an Bedeutung gewinnen könnte.
Erwartete und gewünschte Zukunft unterscheiden sich
Für Unternehmen ist nicht nur relevant, welche Szenarien erwartet werden. Aufschlussreich ist auch der Vergleich mit der gewünschten Entwicklung.
Bei der gewünschten Zukunft erreichen die „Regionalen Kreisläufe“ 71 Punkte, die „Stationären Anker“ 68 Punkte und die „Virtuelle Erlebniswelt“ 54 Punkte. Regionalität, Resilienz und Kundennähe erhalten damit vergleichsweise hohe Werte.
Deutlich anders fällt die Bewertung bei stärker konzentrierten Strukturen aus. Das Szenario „Dominante Logistiker“ erreicht bei der erwarteten Entwicklung 58 Punkte, bei der gewünschten Zukunft dagegen lediglich 19 Punkte. In diesem Zukunftsbild kontrollieren wenige große Netzwerke Warenströme, Daten und operative Prozesse.
Damit macht die Untersuchung ein Spannungsfeld sichtbar: Leistungsfähige und stärker integrierte Logistiknetzwerke werden als mögliche Entwicklung angesehen. Eine starke Konzentration von Steuerungs- und Datenmacht bei wenigen Akteuren wird von den Teilnehmenden dagegen deutlich weniger gewünscht.

Datenverfügbarkeit verbindet die Zukunftsszenarien
Unabhängig vom jeweiligen Szenario zieht sich die Verfügbarkeit und Verknüpfung von Daten durch viele Zukunftsbilder. Das betrifft Bestände ebenso wie Nachfrageinformationen, Transportkapazitäten, Lieferzeiten und Kundendaten.
Gerade für Omnichannel-Strukturen wird entscheidend, dass stationäre und digitale Systeme nicht isoliert arbeiten. Die Studie nennt interoperable Strukturen, belastbare Netzwerke sowie digitale und organisatorische Fähigkeiten als Grundlagen für mehrere Zukunftsszenarien. Auch Investitionen sollten so ausgelegt sein, dass sie unter unterschiedlichen Entwicklungen nutzbar bleiben.
Für Handelsunternehmen rückt damit weniger eine einzelne Technologie in den Mittelpunkt als die Fähigkeit, unterschiedliche Systeme und Vertriebskanäle miteinander zu verbinden.
Tobias Röding vom EHI ordnet ein: „Technologie und KI werden die Handelslogistik bis 2036 weiter verändern. Entscheidend ist, wie schnell daraus tragfähige Anwendungen für Prozesse, Beschäftigte und Kunden entstehen. Die Handelslogistik 2036 wird dort leistungsfähig sein, wo Handel, Logistikdienstleister, Plattformen und Kunden Verantwortung für Versorgung gemeinsam neu organisieren.“
Die Studie „Die Zukunft der Handelslogistik 2036“ wurde vom EHI in Kooperation mit dem Methodenpartner ScMI AG entwickelt. Im Frühjahr 2026 untersuchte ein 30-köpfiges Konsortium aus Handelsunternehmen, Technologieanbietern und Hochschulen gemeinsam mit einem externen Methodenpartner, wie sich die Handelslogistik in den kommenden zehn Jahren entwickeln könnte. Grundlage war eine Szenarioanalyse, bei der zentrale Einflussfaktoren und deren Wechselwirkungen untersucht und daraus neun plausible Zukunftsbilder entwickelt wurden.
Autor Gabriel Wagner (66 Beiträge)
Herausgeber infoboard.de
Geschäftsführender Gesellschafter futura medien GmbH
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