Kipppunkt 2026: Warum das Ladensterben die Elektrobranche härter trifft als gedacht

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Der Handelsverband Deutschland (HDE) zeichnet ein zunehmend düsteres Bild für den stationären Einzelhandel – mit direkten Folgen auch für den Elektrofachhandel: Laut aktueller Prognose werden im Jahr 2026 netto rund 4.900 Geschäfte in Deutschland schließen. Damit setzt sich ein langjähriger Negativtrend fort, der sich insbesondere für innerstädtische Handelslagen weiter zuspitzt und Branchen mit beratungsintensiven Produkten besonders trifft.

HDE-Präseident Alexander von Preen macht sich Sorgen um das Sterben im Einzelhandel.
HDE-Präseident Alexander von Preen macht sich Sorgen um das Sterben im Einzelhandel.

HDE-Präsident Alexander von Preen warnt eindringlich vor einer Normalisierung dieser Entwicklung: „Seit zehn Jahren verlieren wir in Deutschland jährlich mindestens 4.500 Geschäfte oder mehr.“ Besonders gravierend seien die Auswirkungen bereits in den Corona-Jahren gewesen, als die Zahl der Schließungen zeitweise „auf über 11.000“ anstieg. Für 2026 gelte daher: „Der Verlust von 4.900 Geschäften verheißt nichts Gutes.“

Die Folgen sind bereits sichtbar: Viele Innenstädte kämpfen mit zunehmenden Leerständen und Attraktivitätsverlust. „Viele Innenstädte leiden heute schon sichtlich unter Leerständen. Besserung erscheint bei den Zahlen der letzten Jahre nicht in Sicht. So kann und darf es nicht weitergehen“, so von Preen. Der HDE sieht die Gefahr, dass immer mehr Stadtzentren „Kipppunkte“ erreichen.

70.000 Läden weniger – schrumpfender Markt trifft auf stabile Umsätze

Seit Jahren sinkt die Zahl der Geschäfte in Deutschland. 2026 sollen laut Prognose des HDEIFH 4.900 weitere Läden schließen. Grafik: HDE
Seit Jahren sinkt die Zahl der Geschäfte in Deutschland. 2026 sollen laut Prognose des HDEIFH 4.900 weitere Läden schließen. Grafik: HDE

Insgesamt dürfte die Zahl der Geschäfte bis Ende 2026 auf rund 296.600 sinken – ein deutlicher Rückgang von 19 Prozent gegenüber 366.800 Standorten vor zehn Jahren. Besonders der mittelständische Handel steht unter Druck. Als zentrale Ursachen nennt der Verband eine schwache Konsumstimmung sowie hohe Kosten.

„Die Lage ist bei vielen vor allem mittelständischen Händlern ernst. Das Umfeld mit der seit Jahren vor sich hindümpelnden Konsumlaune ist schwierig“, erklärt von Preen. Der HDE fordert daher konkrete politische Maßnahmen, darunter Entlastungen bei Energie- und Personalkosten: „Die Stromsteuer muss endlich für alle runter, bei den Lohnnebenkosten braucht es einen Deckel bei 40 Prozent.“

Gleichzeitig seien auch Immobilienbesitzer gefordert: „Die Vermieter müssen sich auch im eigenen Interesse noch mehr auf umsatzorientierte Mieten einlassen. Leerstand nutzt niemandem.“

Für den Elektrohandel zeigt sich dabei ein paradoxes Bild: Laut gfu HEMIX stabilisierte sich der Gesamtmarkt für Home Electronics 2025 zwar bei rund 46,9 Mrd. Euro (±0,0 %). Gleichzeitig verschieben sich die Segmente deutlich: Während Kleingeräte (+3,7 %) und IT (+2,6 %) wachsen, verlieren klassische Elektrogroßgeräte (-2,7 %) an Bedeutung – ausgerechnet jene Warengruppe, die stark auf stationäre Präsentation angewiesen ist.

Elektrohandel im Spannungsfeld von Online, Fläche und Frequenz

Auch der Elektrofachhandel ist Teil dieser Entwicklung – und zwar gleich in zweierlei Hinsicht: im klassischen Fachhandel in Innenstädten und bei großflächigen Anbietern in Randlagen, die als Frequenzanker zunehmend wegfallen. Damit verliert die Branche nicht nur Verkaufsflächen, sondern auch zentrale Berührungspunkte mit dem Kunden.

Elektrogeräte gehören zu den erklärungsbedürftigsten Produkten im Einzelhandel. Mit jedem geschlossenen Standort wächst jedoch eine „Beratungs-Lücke“. Showrooms, in denen Kunden Geräte erleben, vergleichen und testen können, werden seltener. Das Problem: Viele Konsumenten informieren sich weiterhin offline – etwa zur Haptik, Größe oder Klangqualität –, kaufen aber online. Fällt die stationäre Präsenz weg, sinkt langfristig auch die Markenbindung.

Gerade im Bereich der Elektrogroßgeräte verschärft sich die Situation: Wenn Flächen verschwinden, sinkt die Sichtbarkeit dieser margenstarken Produkte zusätzlich – ein direkter Effekt der negativen Segmententwicklung. Für Hersteller stellt sich damit zunehmend die Frage, wie sie ihre Produkte noch erlebbar machen, wenn der Fachhandel als Präsentationsfläche vor Ort immer mehr wegbricht.

Wenn der „Kipppunkt“ die Service-Infrastruktur trifft

Die vom HDE beschriebene Gefahr von „Kipppunkten“ in Innenstädten hat für die Elektrobranche eine besondere Dimension. Denn ein Elektrogeschäft ist oft mehr als nur Verkaufsfläche – es ist Anlaufstelle für Reparaturen, Servicefälle und Gewährleistung. Genau um diese Punkte ging es bei der KOOP in Hannover und auch beim EP-Kongress in Neuss am vergangenen Wochenende.

Verschwinden diese Standorte, bricht die lokale Service-Infrastruktur weg. Das schwächt regionale Händler- und Dienstleistungsnetzwerke – und verstärkt gleichzeitig die Abhängigkeit von großen Plattformen.

Das IFH Köln warnt in diesem Zusammenhang vor zunehmenden „lokalen Versorgungslücken“. In vielen Mittelzentren werde der Onlinekauf von Elektrogeräten mangels Alternativen zur „notwendigen Option“ statt zur freien Wahl. Parallel wächst der Onlinehandel weiter – für 2025/2026 wird ein Plus von bis zu 5,7 % erwartet.

Kostenfaktor Energie und Personal als Branchentreiber

Die Forderungen des HDE treffen im Elektrohandel einen besonders sensiblen Punkt. „Die Stromsteuer muss endlich für alle runter“, verlangt von Preen – für Elektrofachmärkte ist das existenziell. Denn anders als etwa im Textilhandel ist der Energiebedarf deutlich höher: laufende Vorführgeräte, beleuchtete TV-Wände, angeschlossene Haushaltsgeräte und großflächige Verkaufsräume treiben die Kosten überproportional nach oben.

Auch die geforderte Deckelung der Lohnnebenkosten ist für die Branche zentral. Qualifiziertes Beratungspersonal ist ein entscheidender Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Onlinehandel – wird aber zunehmend zum Kostenrisiko.

Industrie wächst – Handel schrumpft

Parallel dazu entwickelt sich die Elektroindustrie deutlich robuster als der Handel. Der ZVEI erwartet für 2026 ein reales Produktionsplus von 2,0 Prozent. Gleichzeitig weist der deutsche Markt im internationalen Vergleich jedoch eine geringe Wachstumsdynamik auf.

Für die Branche ergibt sich daraus eine strukturelle Schieflage: Die Industrie produziert mehr – häufig für den Export –, während im Inland immer weniger leistungsfähige stationäre Partner verbleiben, um Innovationen wie Smart Home oder vernetzte Hausgeräte im direkten Kundenerlebnis zu vermitteln.

Konsolidierung statt Kahlschlag

Trotz aller Herausforderungen zeigt sich: Der Elektrofachhandel befindet sich weniger in einem abrupten Schrumpfprozess als vielmehr in einer tiefgreifenden Transformation. Filialnetze werden optimiert, Standorte zusammengelegt und Geschäftsmodelle stärker auf Omnichannel ausgerichtet.

Das IFH rät in diesem Zusammenhang zu einer klaren Neuausrichtung der Flächen: Verkaufsräume müssten stärker zu Erlebnisorten werden, um der Frequenzkrise entgegenzuwirken.

Innenstädte bleiben Schlüssel für die Branche

Für die Zukunft lebendiger Innenstädte sieht der HDE vor allem Bund, Länder und Kommunen in der Pflicht. „Einkaufen ist der Hauptgrund für einen Innenstadtbesuch. Wer sein Stadtzentrum vital erhalten oder gestalten will, braucht deshalb Geschäfte“, betont von Preen.

Gerade für den Elektrofachhandel ist diese Entwicklung entscheidend. Denn auch im Zeitalter von E-Commerce bleibt die physische Präsenz zentral für Beratung, Service und Markenbindung. Das Ladensterben trifft den Elektrofachhandel nicht nur quantitativ, sondern strukturell: Es gefährdet Beratung, Service, Sichtbarkeit und die lokale Marktversorgung gleichermaßen. Während Umsätze stabil bleiben und die Industrie wächst, verliert der stationäre Handel an Fläche und Bedeutung. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, diese Lücke durch neue Konzepte, Erlebnisformate und wirtschaftlich tragfähige Rahmenbedingungen zu schließen.

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