Wer wird im Kampf um internationale Marktanteile die Nase vorn haben? Europa oder China?
Während europäische Staaten ihre Politik an wechselnden Regierungen und Legislaturperioden ausrichten, verfolgt das Reich der Mitte seit Jahrzehnten eine langfristig angelegte Strategie, die wirtschaftliche, logistische und digitale Infrastrukturen weltweit verknüpft. Diese Entwicklung verändert nicht nur den Einzelhandel und die Industrie in Europa, sondern auch die geopolitische Position des Kontinents, sagt der belgische Handelsexperte und Key Note Speaker Jorg Snoeck in einem Newsletterbeitrag.
Dieses Vorgehen lässt sich tatsächlich auf Infrastrukturebene in einem aktuellen Fall beobachten. Die Beteiligung des chinesischen Onlinehändlers JD.com an Ceconomy, der Muttergesellschaft von MediaMarkt und Saturn, geht weit über eine reine Einzelhandelsstrategie hinaus. Denn im Zentrum steht der Aufbau eines engmaschigen Netzes aus physischen Standorten, Datenschnittstellen und Logistikhubs.
Was bedeutet das konkret? JD.com erhält mit der Akquisition Zugang zu Daten von Millionen Kunden und damit auch die Option, Service- und After-Sales-Systeme aufzubauen. Dabei werden stationäre Geschäfte nicht als Verkaufsstellen, sondern als Bestandteile eines datengetriebenen Gesamtsystems genutzt, das Nachfrage vorhersagen und Lieferketten dynamisch steuern kann. Dieses Verständnis von Einzelhandel als datengestützte Infrastruktur ist in Europa bisher kaum verbreitet. Der Hunger der Chinesen ist groß und so wäre durchaus denkbar: Wie es heute Ceconomy ergeht, kann morgen Verbundgruppen, Franchise-Systeme oder große Regionalhändler betreffen.
Noch ist der gigantische Deal, MediaMarkt und Saturn unter chinesische Kontrolle zu bekommen, nicht unter Dach und Fach. JD.com hat ein Übernahmeangebot über rund 2,2 Mrd. Euro für Ceconomy gestartet, das das deutsche Bundeskartellamt im September 2025 zwar freigegeben hat, weil JD.com bisher nur geringfügig in Deutschland aktiv sei. JD.com hält damit aktuell mach eigenen Angaben 59,8 Prozent der Ceconomy-Anteile. Gleichzeitig verfügt der chinesische Konzern mit diesem Deal auch über 22 Prozent der Anteile des französischen Marktführers Fnac Darty. Doch eine separate sicherheitspolitische Prüfung durch das Bundeswirtschaftsministerium steht noch aus. Auch die EU-Kommission und andere europäische Staaten müssen im Rahmen der Investitionsprüfungen zustimmen. Eine endgültige Entscheidung werde für das erste Halbjahr 2026 erwartet. Dann soll Ceconomy auch nicht mehr an der Börse gelistet sein.
Die Auswirkungen der chinesischen Langfriststrategie zeigen sich Querbeet in allen Bereichen der Wirtschaft, z. B. mit der Übernahme des Kunststoff- und Gummimaschinenherstellers KraussMaffei oder Pirelli Reifen durch ChemChina bis hin zu Kuka Robotik durch die Midea Group.
Auffällig ist neuerdings eine besondere Vorliebe für den europäischen Einzelhandel. Marken wie Jack Wolfskin oder Puma geraten – laut Jorg Snoeck – zunehmend in den Fokus chinesischer Konzerne wie Anta Sports oder Li Ning. Diese Übernahmen seien keine Einzelfälle, sondern Ausdruck eines systematischen Aufbaus von Handels- und Distributionsnetzwerken in Europa. Anta Sports beispielsweise besitze bereits Amer Sports mit Marken wie Salomon, Wilson und Arc’teryx und verfolge damit ein klares Ziel: die langfristige Kontrolle über Wertschöpfungsketten durch strategische Beteiligungen.
Auch Plattformen wie Shein, Temu und AliExpress operieren laut Jorg Snoeck mit datenbasierten Geschäftsmodellen, bei denen physische Verkaufsflächen in erster Linie der Datengenerierung dienen. Ein Shein-Store in Paris fungiere weniger als klassisches Ladengeschäft, sondern als Sensor im Konsumverhalten junger Zielgruppen. Diese Daten fließen in Echtzeit in Produktionsalgorithmen ein, die entscheiden, welche Produkte in welchen Mengen gefertigt werden. Die europäische Reaktion darauf beschränke sich bislang auf regulatorische Maßnahmen wie Gerichtsverfahren oder Strafzahlungen, ohne strukturell vergleichbare Antworten zu entwickeln.
Die aktuelle Situation ist auch das Ergebnis einer langfristigen Beteiligung europäischer Unternehmen an globalen Lieferkettenpraktiken. Die sogenannte De-minimis-Regel, die den zollfreien Import kleiner Warensendungen erleichtert, wird heute zwar primär mit chinesischen Plattformen in Verbindung gebracht. Tatsächlich existiert die Praxis des minimalen Re-Labelings und der symbolischen Endfertigung in Europa selbst schon seit Jahren. Standorte wie Prato in Italien zeigen, wie europäische Unternehmen bewusst globale Produktionswege nutzen, um ihre Textilprodukte als „Made in Europe“ zu vermarkten.
Ebenso in der Automobilindustrie zeichnen sich Verschiebungen ab. Laut Volvo-CEO Hakan Samuelsson in einem Interview mit der „Welt“ wird der Markt für Elektrofahrzeuge künftig von wenigen chinesischen Herstellern dominiert, ähnlich wie es Ford, Volkswagen oder Toyota in der Vergangenheit mit Verbrennungsmotoren waren. Ausschlaggebend dafür sei die vollständige vertikale Integration: China kontrolliert wesentliche Elemente der Lieferkette – von Rohstoffen über Batterien bis hin zu Softwarelösungen. Europäische Hersteller verfügen zwar über technologische Kompetenz und Tradition, jedoch fehlt es ihnen an einer skalierbaren und durchgehend integrierten Produktionsarchitektur. Und: „Wer in Europa überleben will, muss sich weiterentwickeln und schneller werden.“
Ein zentraler Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit ist die Integration von künstlicher Intelligenz (KI) in sämtliche Sektoren. Während Europa intensive ethische und regulatorische Debatten führt, betrachtet China KI als produktionsrelevante Infrastruktur. Mit Programmen wie „AI Plus“ verfolgt die chinesische Regierung eine nahezu vollständige Durchdringung von Bildung, Verwaltung, Industrie und Handel mit KI innerhalb eines Jahrzehnts. Initiativen wie tägliche Patentanmeldungen bei BYD oder autonome Lagerhäuser bei JD.com belegen diese strategische Ausrichtung.
Soweit sind wir in Europa zwar noch nicht, aber auf diversen Bilanzpressekonferenzen Anfang dieses Jahres wurde deutlich, dass auch in europäischen Konzernen KI zunehmend als Motor für Effizienzsteigerung gesehen wird: „Wir arbeiten hart an unseren Sach- und Materialkosten, wir setzen KI noch intensiver ein, um unsere Produktivität zu erhöhen, und wir wägen jede Investition noch sorgfältiger ab als bisher“, stellte Bosch-Chef Stefan Hartung bei der Präsentation der Zahlen für 2025 klar. Und auch Electrolux setzt 2026 auf Effizienzprogramme, um sich gegen die steigenden Zölle zu stemmen.
Trotz vorhandener Stärken wie Innovationskraft, Fachwissen und kultureller Vielfalt leidet Europa unter strukturellen Hemmnissen: eine fragmentierte Politiklandschaft, übermäßige Regulierungsdichte, demografischer Wandel und das Fehlen einer gemeinsamen langfristigen Perspektive. Während China mit strategischer Kontinuität agiert, zeigen sich in Europa schnelle Richtungswechsel und kurzfristige Entscheidungslogiken, die strategische Konsistenz erschweren.
Die Entwicklungen im Einzelhandel, in der Industrie und auf geopolitischer Ebene machen deutlich, dass Europa Gefahr läuft, vom aktiven Gestalter zum Beobachter globaler Prozesse zu werden. Markenübernahmen und Infrastrukturkäufe durch chinesische Akteure sind weniger Ausnahmeerscheinungen als Vorboten eines tiefgreifenden Wandels. Ob Europa in der Lage ist, darauf mit einer kohärenten und zukunftsorientierten Strategie zu reagieren, bleibt offen. Ohne strukturelle Kurskorrektur könnte der Kontinent seine Handlungshoheit in zentralen Bereichen dauerhaft verlieren.
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