Lachen ist ansteckend. Essen auch?
Das Wichtigste in Kürze (KI-Zusammenfassung)
- Die Universität Konstanz hat die statistische Methode SPREAD entwickelt, um Verhaltensansteckung von zufälligen Übereinstimmungen zu unterscheiden.
- Lachen ist nach ein bis zwei Sekunden am ansteckendsten, während Essen ein längeres Zeitfenster von etwa 14 bis 42 Sekunden zeigt.
- Verhaltensansteckung hängt vom Verhalten ab: Unterschiedliche Verhaltensweisen erfordern unterschiedliche zeitliche Abstände für ihre Messung.
- Der Ansatz lässt sich auf weitere Verhaltensweisen, Gruppengrößen und soziale Kontexte übertragen.
Ein Forschungsteam der Universität Konstanz hat eine Methode entwickelt, die zeitliche Muster der Verhaltensansteckung erfasst und von zufälligen Übereinstimmungen unterscheidet. Anhand von Gruppengesprächen untersuchten die Forschenden, wie sich Lachen und Essen zwischen Personen übertragen.
Menschen stimmen ihr Verhalten im sozialen Miteinander fortwährend aufeinander ab. Beim Gespräch lachen mehrere Personen kurz nacheinander, beim gemeinsamen Essen greifen sie zeitversetzt zu. Ob sich dabei tatsächlich Verhalten überträgt oder Menschen lediglich zufällig ähnlich handeln, lässt sich wissenschaftlich nur schwer bestimmen.
In der Psychologie setzt Verhaltensansteckung einen direkten zeitlichen Zusammenhang voraus: Auf das Verhalten einer Person folgt das gleiche Verhalten einer weiteren Person. Für die Untersuchung müssen jedoch auch andere Einflussfaktoren berücksichtigt werden, die eine solche Abfolge erklären könnten.
Statistische Methode unterscheidet Ansteckung und Zufall
Das Konstanzer Forschungsteam hat dafür einen konzeptionellen Rahmen und eine statistische Toolbox namens Spread entwickelt. Die Methode untersucht anhand von Verhaltensdaten, wie schnell sich ein Verhalten zwischen Personen überträgt, wie lange der Effekt anhält und wie er sich je nach sozialer Konstellation verändert.
Als Datengrundlage dienten zunächst 15-minütige Gruppengespräche von jeweils drei Personen über verschiedene Themen. Jedes Lachen wurde als Datenpunkt erfasst und in seinem zeitlichen Verhältnis zum Lachen anderer Personen ausgewertet. Zusätzlich berechneten die Forschenden ein Zufallsniveau, um festzustellen, wie häufig das Lachen verschiedener Personen rein zufällig aufeinanderfolgte.
Die Auswertung zeigte, dass Lachen bereits nach ein bis zwei Sekunden am ansteckendsten ist. Die zeitliche Dynamik ist damit ein wesentlicher Bestandteil des untersuchten Phänomens.
„Es gibt kein einzelnes Zeitfenster, das für jedes Verhalten gleichermaßen passt. Deshalb brauchen wir Methoden, die Verhaltensansteckung über unterschiedliche Zeitabstände hinweg erfassen können“, erklärt Christophe Bousquet, gemeinsamer Erstautor der Studie mit Jana Straßheim.
Essen zeigt ein längeres Zeitfenster
Um die Übertragbarkeit der Methode zu prüfen, untersuchte das Team anschließend das Essverhalten. Grundlage waren erneut 15-minütige Dreiergespräche, bei denen dieses Mal Essen zur Verfügung stand.
Auch hier ließ sich Verhaltensansteckung nachweisen. Das relevante Zeitfenster war jedoch deutlich länger als beim Lachen. „Am stärksten war der Effekt nach etwa 14 Sekunden, nachweisen ließ er sich bis zu einem zeitlichen Abstand von etwa 42 Sekunden“, so Straßheim.
Beginnt eine Person zu essen, steigt demnach in diesem Zeitraum die Wahrscheinlichkeit, dass eine andere Person ebenfalls etwas isst. Die Ergebnisse zeigen, weshalb unterschiedliche Verhaltensweisen mit jeweils passenden zeitlichen Abständen untersucht werden müssen.
Grundlage für weitere Forschungsfelder
Nach Angaben des Forschungsteams lässt sich der Ansatz auf weitere beobachtbare Verhaltensweisen, Gruppengrößen und soziale Kontexte übertragen. Mögliche Anwendungen liegen sowohl in der Humanforschung als auch in der Verhaltensforschung mit Tieren.
Harald Schupp, Professor für Biologische Psychologie an der Universität Konstanz und Co-Leiter der Studie, erläutert: „Mit diesem Ansatz können wir soziale Dynamiken vergleichen, ohne vorauszusetzen, dass jedes Verhalten gleich schnell übertragen wird oder mehr beteiligte Personen automatisch eine stärkere Ansteckung bewirken.“
Über den Tellerrand geschaut
Für die Elektrogerätebranche eröffnet die Untersuchung eine interessante Perspektive auf die Küche als Ort des sozialen Miteinanders. Viele kennen es aus dem eigenen Alltag: Wenn jemand beim gemeinsamen Essen zugreift, folgen andere wenig später. Ob ähnliche Muster auch beim Kochen oder bei der Nutzung von Küchengeräten auftreten, müsste gesondert untersucht werden. Für Hersteller könnte es sich deshalb lohnen, stärker zu betrachten, wie mehrere Menschen Geräte gemeinsam nutzen, Arbeitsschritte aufeinander abstimmen und sich dabei gegenseitig beeinflussen. Leicht verständliche Bedienelemente, gut sichtbare Gerätezustände und eine geringe Geräuschentwicklung könnten dieses Miteinander unterstützen – etwa wenn während der Zubereitung Gespräche stattfinden oder jemand spontan eine Aufgabe übernimmt.
Faktenübersicht:
- Originalpublikation: Straßheim, J., Bousquet, C., Köchling, J., Renner, B., & Schupp, H. T. (2026). SPREAD, a framework and open-source R toolbox to quantify behavioural contagion. Commun Psychol 4, 130 (2026). DOI: 10.1038/s44271-026-00538-0
- Methode:
- SPREAD ist ein konzeptionelles und statistisches Framework mit einer Open-Source-R-Toolbox zur Quantifizierung von Verhaltensansteckung in Zeitreihendaten sozialer Interaktionen. Es steht als Open-Source-R-Toolbox zur Verfügung: https://doi.org/10.486…yuzsqayz1c
- SPREAD wurde anhand von Lachen in 28 Dreiergruppen mit 84 Teilnehmenden und 1.032 Lachmomenten sowie anhand von Essverhalten in 36 Dreiergruppen mit 108 Teilnehmenden und 1.427 Momenten der Essensaufnahme demonstriert.
- Dr. Jana Straßheim ist Psychologin und Postdoktorandin in der Arbeitsgruppe Psychologische Diagnostik und Gesundheitspsychologie der Universität Konstanz sowie Mitglied des Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour.
- Dr. Christophe Bousquet ist Biologe und Postdoktorand in der Arbeitsgruppe Psychologische Diagnostik und Gesundheitspsychologie der Universität Konstanz sowie Mitglied des Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour.
- Prof. Dr. Britta Renner leitet die Arbeitsgruppe Psychologische Diagnostik und Gesundheitspsychologie an der Universität Konstanz und ist Co-Sprecherin des Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour.
- Prof. Dr. Harald Schupp leitet die Arbeitsgruppe Allgemeine und Biologische Psychologie an der Universität Konstanz und ist Principal Investigator am Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour.
- Das Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour an der Universität Konstanz ist ein interdisziplinäres Forschungszentrum, das die Prinzipien kollektiven Verhaltens bei Tieren und anderen Systemen untersucht. Die Arbeiten zur Studie wurden im Rahmen des darin angesiedelten Projekts „Collective Appetite“ durchgeführt.
Autor infoboard.de (10279 Beiträge)
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